Freitag, 9. September 2011

Rosen, Literatur und Politik



Nikolaus Lenau

Welke Rose

In einem Buche blätternd, fand
ich eine Rose welk, zerdrückt,
und weiß auch nicht mehr, wessen Hand
sie einst für mich gepflückt.

Ach, mehr und mehr im Abendhauch
verweht Erinnerung; bald zerstiebt
mein Erdenlos, dann weiß ich auch
nicht mehr, wer mich geliebt.


































Zum Thema Rosen und Politik:



Kapitel-Auszug (MS) aus:
Carl Gibson,
Symphonie der Freiheit:


In Genf – oder: Kann die UNO einen Diktator zur Rechenschaft ziehen?


         Frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht. Präambel der Schweizer Verfassung

An den Bahnhof der Stadt kann ich mich heute nur noch vage erinnern. Als Wanderer zwischen den Welten, als interkultureller Emissair, habe ich in all den Jahren so viele Bahnhöfe erlebt, gewaltige und kleine, historische und profane, architektonisch herausgeputzte und verkommene, freundlich heitere und trostlos trübsinnige, dass mein Gedächtnis sie nicht mehr genau auseinander halten kann. Ein Bahnhof hat oft mehr von Abschied als von Willkommen und ist nicht selten verknüpft mit unfreiwilligen Transporten und Reisen ins Ungewisse, mit Trauer und Melancholie. Aber ein Bahnhof ist auch eine Stätte der Beweglichkeit, ein guter Ort, um dem bunten Treiben zu folgen, um nachzudenken. Menschen strömen auf und ab, und Züge fahren hin und her. Auch auf Bahnhöfen ist alles im Fluss, selbst die Gedanken.
Bevor ich auf den brieflich vereinbarten Treffpunkt zusteuerte, wo mein Gastgeber bestimmt schon meiner harrte, ging ich wie gewöhnlich in den ersten Blumenladen in der Vorhalle, um einen Strauß zu besorgen. Bisher hatte ich es immer so gehalten, wenn ich besuche abstattete und wusste, dass eine Dame das Haus führt. Blumen öffnen das Herz und machen Menschen empfänglich.
„Was darf es sein, mein Herr?“ sprach mich ein junges Fräulein an.
„Rosen“ erwiderte ich wie einer, der weiß, was er will. „Fünf weiße Rosen, bitte!“ Die Frau sah mich etwas erstaunt an, denn weiße Rosen wurden wohl nicht oft verlangt, und brachte mir dann fünf kräftige Rosen, die aber nicht richtig weiß waren, sondern eierschalenweiß mit einer leichten Tendenz ins Grünliche. Als ich sie entgegen nahm, verspürte ich sogleich einen leichten Hauch von dem schwachen, süßlichmilden Duft, den sie verströmten. Ja, diese Rosen dufteten noch. Sie sahen makellos aus und so frisch, als wären sie kaum erst geschnitten worden – und sie dufteten. Noch einmal sog ich mit einem tiefen Zug das zarte Parfüm ein, bezahlte großzügig, bedankte mich und ging dann zum Treffpunkt am Hauptausgang.
Diesmal wurde ich warm empfangen. Der Herr im besten Alter, der mich dort schon nervös entgegenfieberte, war von hagerer Statur, hatte dunkle Haare und einen markant ernsten, doch freundlichen Blick. Halb verunsichert kam er auf mich zu, begrüßte mich dann aber mit einer Herzlichkeit, die nur Menschen zusteht, die man seit langem gut kennt. Die gemeinsame Sache einte uns. Er schien vor Tatendrang zu sprühen und wirkte auf mich wie ein hektischer Enthusiast, der die ganze Welt mit einem Ruck aus den Angeln heben will. Man sah es ihm gleich an, dass er ein geradliniger und pflichtbewusster Charakter war, ein Mensch für den, im Gegensatz zu den meisten anderen Zeitgenossen, der höhere Zweck mehr zählte als die Bestreitung des trivialen Alltags. Er hieß Ganea. Sein Vorname war Ion. Viele Rumänen führen diesen Vornamen. Wie hätte er denn sonst heißen sollen? Ion entspricht dem deutschen Namen Johann oder kurz Hans, der als Taufnamen bei den Deutschstämmigen im Banat genauso häufig herhalten musste wie Ion bei den Rumänen. Stammte ich nicht selbst aus einer Sippe, die mütterlicherseits seit fünf Generationen diesen Vornamen kultivierte, so als ob keine weiteren Namen auffindbar gewesen wären. Mein Urgroßvater, ein k.u. k. Soldat, der bereits 1922 an den Folgen des Kriegseinsatzes starb, hieß Johann oder populär Hans. Sein Sohn, mein Großvater hieß Hans. Und dessen jüngerer Bruder, streng nach dem Namen des Paten getauft, wurde auch Hans gerufen; ebenso wie sein Sohn Hans hieß. Gott sei Dank, bekam mein Bruder den viel verbreiteten Vornamen Jahre vor mir ab – wie das halbe Dorf - und bewahrte mich davor. Das war die Gnade der späten Geburt, die auch noch andere Vorteile mit sich bringen sollte. Mehr zufällig als gezielt erhielt ich einen königlichen Namen, der mir imponierte, weil er nobel klang und weil er dort selten und damit unverwechselbar war. Später hörte ich selbst noch die Namen Hans Hans und Ion Ion als ultimative Steigerung und Gipfel der nominellen Phantasielosigkeit. Dahinter stand die Macht der Tradition, die so einfach nicht zu durchbrechen war. Durfte ich mich da wundern?
Als 1990, wenige Monate nach der Revolution, in Rumänien erstmals wieder freiere Wahlen abgehalten werden konnten, forderte Ion Ratiu, ein Exilpolitiker, der von London ausgewirkt hatte, den Postkommunisten Ion Iliescu heraus. Und Stelian Diaconescu, ein Dichter von europäischem Format, entschied sich für das Pseudonym Ion Caraion, was genau in meinen Ohren genau so witzig klang wie Ilie Pintilie, ein heute etwas vergessener Revolutionär aus dem Geschichtsbuch. Ion ist ein archaischer Allerweltsname, dessen Ursprünge auf den Evangelisten zurückgehen und in das orthodoxe Griechentum hineinreichen. Wohl deshalb führt die halbe Nation der Rumänen diesen Namen. Die anderen tragen mit Vorliebe die Namen berühmter Urahnen, die teils von bedeutenden Cäsaren abgeleitet sind wie: Traian, Adrian, Claudiu, Tiberiu, Marcu, Marius, Cesar oder aus denen römische Geistergrößen hervorleuchten wie Virgil, Liviu, Ovidiu, Cicerone und andere mehr, um so, nach Ion Luca Caragiale, als waschechte Rumänen zu gelten und auf die antike Herkunft der an sich noch jungen Nation zu verweisen. Dahinter verbirgt sich eine Art historischer Komplex der Spätgeborenen, der die Zeiten überspringen und die spät geformte nationale Identität durch eine edle, über zwei Jahrtausende zurückreichende Herkunft kompensieren will. Nach Decebalus, ihrem geto-dakischen Ahnherrn, oder nach Burebistas, der das Dakerreich vom Pontus bis nach Makedonien ausdehnte, wurde merkwürdigerweise kaum jemand benannt; auch nicht nach Caligula und Nero oder nach dem noch edlen Diktator Sulla Felix, der in Mozarts Oper Sila heißt. Gerade nationalistisch orientierte Rumänen akzentuieren in der Nachfolge ihres historiographischen Übervaters Nicolae Iorga immer wieder ihre romanische Herkunft und ignorieren dabei gern die Tatsache, dass ihre gegenwärtige Hochsprache erst im 19. Jahrhundert auf der Grundlage des Französischen und des Italienischen durch das Einfügen zahlreicher Wörter erweitert und reformiert wurde, ohne dabei etwa ein Drittel des alten Wortschatzes slawischen Ursprungs verleugnen und ausmerzen zu können.
Wie ich bald feststellen sollte, spielten bei Ion Ganea nationalistische Überlegungen keine übergeordnete Rolle. Er war ein politisch denkender, engagierter Emigrant, der sich als Liberaler verstand. Als solcher hatte er seinerzeit in Bukarest gewirkt, bevor die einzige Partei des Landes, die Kommunisten, nach einem erfolgreich durchgeführten Staatsstreich unter der Regie Moskaus das politische Monopol für sich reklamierten, um die Alleingestaltung der Volksrepublik und später der Sozialistischen Republik zu übernehmen. Jetzt kam es ihm darauf an, Mittel und Wege zu finden, um von Genf aus die Respektierung der Menschenrechte in seinem Heimatland durchzusetzen. Die 1975 in der finnischen Hauptsstadt Helsinki abgehaltene Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, kurz KSZE, an welcher seinerzeit auch die Ostblockstaaten teilnahmen und sogar gewisse Verpflichtungen eingegangen waren, hatte diese Weichenstellung theoretisch ermöglicht. Die praktische Umsetzung gewisser Liberalisierungsbestrebungen jenseits des Eisernen Vorhangs jedoch war nach wie vor reine Illusion. Trotzdem war Ion nicht davon abzuhalten, für eine gute, ihm und anderen wichtig erscheinende Sache aktiv zu werden. Er war zweifellos ein Idealist alter Schule – und die Rechtfertigung seiner Existenz bestand im konkreten Einstehen und Handeln für einen höheren Wert. Das Eintreten für ein Ideal, für eine ethische Zielsetzung, für Menschenrechte, für die Ideale der Französischen Revolution, die besonders im Ostblock von den politischen Akteuren zynisch verachtet wurden, verband uns intuitiv. Obwohl es nie ausführlichere Wertediskussionen gegeben hatte, verstanden wir uns auf Anhieb. Damals war ich zwar noch recht jung an Jahren, brachte aber eine natürliche Autorität ein, die auf dem Faktischen beruhte und auf meine mehrjährige, sehr intensive Oppositionstätigkeit zurückging, die für sich sprach. Das individuelle Handeln unter Repressionsbedingungen und der Gestus des weiteren antitotalitären Wirkens auch im Westen zählten mehr als die Person dahinter. Mein oppositionelles Agieren im Land wurde allgemein anerkannt; nicht zuletzt von Ion, mit dem ich seit Monaten über die anstehende Aktion, deren geistiger Urheber er war, korrespondierte und häufig telefonierte. Ion bestach mehr durch eine fast naive Geradlinigkeit, die ihm generell Glaubwürdigkeit verlieh, als durch intellektuelle Prägnanz. Wir kannten uns also schon etwas. Sein Geld verdiente der Liberale, wie manch anderer geschickte Kunsthandwerker in der Schweiz, als Uhrmacher in einer traditionellen Werkstatt. Unmittelbar nach meiner Ankunft bestiegen wir seinen Wagen und fuhren in ein nahe gelegenes Wohnviertel, wo er mit seiner Gattin ein kleines Appartement bewohnte. Kinder hatten sie keine.
Während wir die viel befahrenen Hauptalleen der City entlang fuhren, hatte ich genügend Zeit, die ersten Eindrücke dieser an sich recht kleinen, von ihrem Format her aber wahren Weltstadt aufzunehmen und diese auf mich wirken zu lassen. Nach einem doch etwa stürmisch rasanten Aufstieg aus dem unscheinbaren Provinznest Sackelhausen hatte ich zunächst die nahe Universitätsstadt Temeschburg ausgelotet; dann erlebte ich die erste kleine Metropole Europas, die Hauptstadt des Staates, Bukarest; das gigantische London hatte ich bereits gesehen, die Boulevards von Paris, selbst die Prachtstraßen Amsterdams und einige deutsche Großstädte, darunter München und Westberlin – doch Genf war anders, ganz anders. Es erinnerte mich zwar leicht an Paris und Bukarest wie eine zweite Tochter derselben Mutter - doch Genf hatte etwas eigenes, etwas calvinistisch Kühles, das ich nicht greifen konnte und das sich mir entzog. Die Eisigkeit sagte mir, dass ich hier nicht heimisch werden konnte.
Die Dämmerung wich bereits dem Dunkel der Nacht, die sich langsam über der Stadt ausbreitete. Mir bot sich ein gewaltiges Panorama. Glaspaläste, repräsentative Bauten, Brunnen, Fontänen, von Parks umgebene Villen der Superreichen. Alles war in strahlendes Licht getaucht und verlieh dem Ganzen etwas märchenhaft Romantisches. Die scheinbare Irrealität der Illumination beeindruckte mich wie die poetisch entrückte Welt eines Algabal. Plötzlich riss Ion mich etwas unsanft aus den Träumereien, indem er mir signalisierte, in der unmittelbaren Umgebung von Versoix, wohne der abgedankte König Michael von Rumänien und führe hier am See eine fast bürgerliche Existenz. Seit der erzwungenen Abdankung nach dem Zweiten Weltkrieg lebe König Michael aus dem Hause Hohenzollern im Schweizer Exil. Auch er sei an unseren Aktivitäten interessiert; und höchstwahrscheinlich werde er uns alsbald zu einem Gespräch empfangen. Die Hoffnung auf eine Revision der politischen Verhältnisse in Osteuropa und die Institution einer konstitutionellen parlamentarischen Monarchie in seiner Heimat habe er noch nicht ganz aufgegeben. Interessiert folgte ich Ion Ausführungen, war aber doch recht skeptisch, was die hehren Ziele anging, denn Entwicklungen dieser Art erschienen mir im Jahr 1981 doch sehr unrealistisch.
Deutschland, mein altes Vaterland und neue Heimat, wurde damals von der sozial-liberalen Koalition unter Kanzler Helmut Schmidt und Vize Hans Dietrich Genscher regiert. Beide setzten in ihrer Außenpolitik, besonders aber im Verhältnis zu Osteuropa und der Sowjetunion, auf Entspannung, auf Verständigung und auf Wandel durch Handel. Die von Bundeskanzler Willy Brandt begründeten Ost-West-Beziehungen waren nach wie vor ein zartes Pflänzchen, das es zu pflegen galt und das nicht durch übereilte Aktionen zertreten werden sollte. Deshalb fand ich unmittelbar nach meiner Einreise in die Bundesrepublik bei den damals politisch Verantwortlichen weder Echo noch Gehör für die Sache der inzwischen unterdrückten Freien Gewerkschaft SLOMR, nicht einmal beim Deutschen Gewerkschaftsbund. In Großbritannien bestimmte die Eiserne Lady die Richtlinien von Downing Street Nr. 10 und im Weißen Haus war der ehemalige Hollywoodschauspieler Ronald Reagan gerade dabei, den Baptistenprediger Jimmy Carter als Präsident der Vereinigten Staaten abzulösen. Amerika litt seinerzeit unter der so genannten Malaise Carters und war außenpolitisch angeschlagen. Trotzdem war Amerika auf dem Gebiet der Menschenrechte immer noch die paradigmatische Leitnation der Freiheit, zu der die Geknechteten aus allen Teilen der Welt aufblickten. Amerika hatte damals noch eine moralische Stellung inne, die es, kaum zwei Jahrzehnte danach durch das alles andere als weitsichtige Wirken eines einzigen Präsidenten und durch die Verabschiedung vom Völkerrecht vielleicht für immer einbüßen sollte. In der Sowjetunion ging die Ära Breschnew ihrem Ende entgegen. Es folgten aus der Reihe der starren Altherrenriege des Kreml Tschernenko, Andropow und schließlich Gorbatschow. In Rumänien hingegen behauptete sich nunmehr seit 1965 eine Person als Staatschef, Nicolae Ceausescu, ohne dass eine potentielle Personalveränderung denkbar erschien. Der Status quo war unverrückbar starr und erschien für alle Zeiten zementiert zu sein. Der konservativ ausgerichtete Westen setzte weitgehend auf Konfrontation und Tot-Rüsten. Der Osten, inklusiv China, das seine kommende Weltmachtrolle schon vorbereitete, setzte auf Selbstbehauptung. In dieser Konstellation war es nicht einfach zu opponieren und auf Veränderungen zu hoffen. Trotzdem musste es sein, denn es gab keine alternative Perspektive. Vielleicht konnte im Kleinen etwas bewegt werden, was irgendwann große Wirkungen haben konnte. Wenn der ehemalige König Michael noch daran glaubte, das Eis könne brechen, dann wollten wir nicht daran zweifeln, sondern weiterhin aktiv vorgehen und durch unser Tun etwas bewirken.
Ion bewohnte mit seiner liebenswerten Ehefrau, die ich gleich kennen lernen durfte, eine gut bürgerliche Wohnung in einem auffällig sauberen, ruhigen Stadtteil von Genf. Auch die Dame des Hauses empfing mich mit natürlicher Freundlichkeit und Warmherzigkeit, die ich auch noch bei anderen Rumänen angetroffen habe. Ich hingegen verhielt mich zunächst etwas verkrampft, nicht zuletzt deshalb, weil ich unbewusst noch in einem einst exzessiv gelebten Deutschtum gefangen war, das tiefer verwurzelt war als der intellektuelle Humanismus. Leicht gehemmt überreichte ich ihr die Blumen.
„Rosen? Weiße Rosen?“ wunderte sie sich und grinste verschmitzt wie wenn ich rote gebracht hätte. Auch weiße Rosen verwiesen auf Leidenschaft, aber auch auf Reinheit, Trauer und Entsagung.
„Ja, Rosen! Madame!“ antwortete ich mit einem Hauch von Ironie. „Rosen sind ganz besondere Blumen, Madame! Ich habe ein spezielles Verhältnis zu diesen Pflanzen! Sie müssen wissen, dass ich unter Rosen aufgewachsen bin und dass sie mich durch mein ganzes Leben begeleitet haben. Viel Ideelles ist in ihnen und viel vom Schönen dieser Welt!“
„Es sind die Blumen der Liebe!“
„Im weitesten Sinne, Madame. Bei uns in Deutschland assoziiert man noch ganz andere Dinge mit Rosen, mit weißen Rosen… Für manche Leute stehen sie für Anstand, für den aufrechten Gang …und seltener selbst für ein reines Gewissen!“
Wir vertieften die Materie nicht. Die Gastgeberin griff routinehaft nach einer Kristallvase, füllte sie mit Leitungswasser, schnitt die Stiele kürzer und stellte sie in das frische Nass. Dann stellte sie die Vase auf eine furnierte Kommode aus Eiche unweit der Tafel, an der wir bald Platz nahmen. Als wir später beim Abendessen zusammen saßen und bei einem Jurakäse und einem Chasselas aus der Region etwas von den kulinarischen Köstlichkeiten genossen, die die Schweiz zu bieten hat, fiel mein Blick auf die mitgebrachten Rosen, aus deren Hintergrund ein lackiertes Holzkreuz hervor strahlte. Das Kreuz und die Rose durchdrangen sich und verschmolzen zu einer symbolischen Einheit, die mir noch in der Nacht zu denken gab und die Erinnerungen wach rief, Erinnerungen, die tief in die Vergangenheit reichten. Mir wurde ein komfortables Gästezimmer zugewiesen, wo ich in den nächsten Tagen auch meine freien Stunden verbringen konnte. Auch mein leibliches Wohl kam nicht zu kurz. Die Dame des Hauses, die selbst keine Kinder hatte, bemühte sich fast mit mütterlicher Umsorgung darum, dass alles stimmte. Sie war vor allem bestrebt, möglichst gepflegt zu kochen, damit wir auch vornehm tafeln konnten. Etwas savoir vivre war stets dabei – als Hinweis auf die kleinen Freuden des Lebens, die es lebenswert machen. Bei späteren Besuchen, die bis zum Abschluss der Klagevorbereitungen noch erforderlich werden sollten, erlebte ich immer wieder die gleiche, natürlich unmittelbare Gastfreundschaft dieser Menschen. Während dieses mehrtägigen Aufenthalts in Genf lernte ich eine Reihe weiterer Personen kennen, die in der Schweiz oder überwiegend in Frankreich lebten und sich in der Regel als Exilpolitiker betätigten. Sie alle hatten eigene Vorstellungen, wie das politische Wirken im Westen zu gestalten und zu koordinieren sei. Partiell verfolgten sie eigene Interessen - und manche von ihnen sahen sich schon als künftige Mitglieder eines Schattenkabinetts, das nach einem politischen Umsturz in Bukarest seine Arbeit unverzüglich aufgenommen hätte. Für unsere Sache waren diese zahlreichen Politakteure weniger wichtig, mit der Ausnahme einiger weniger Persönlichkeiten, die tatsächlich Einfluss hatten und unserer Mission in der Öffentlichkeit dienlich sein konnten. Unter ihnen war eine etwas ältere Dame, die sich als Autorin und Journalistin betätigte und zahlreiche gute Kontakte unterhielt.
„Ich bin Nicolette Franck“, stellte sie sich mir vor. Sie sprach dann noch über ihre Kindheit und Jugend im Großrumänien der Vorkriegszeit. Sie stammte aus dem jüdischen Zentrum Tschernowitz, in der Bukowina, dessen kulturgeschichtlicher Hintergrund erst mit der breit rezipierten Lyrik Paul Celans, der aus der gleichen Gegend stammte, bekannt wurde. Sie hatte ihre aktive Zeit als Journalistin in Jassy verbracht, in einer Stadt an der nordöstlichen Grenze zur Sowjetunion, wo mein noch in Rumänien weilender Mitstreiter Erwin seinen Militärdienst absolviert hatte. Mehr als vierzigtausend Juden hatte das Jassy der Vorkriegszeit eine Heimat geboten, bevor unter Antonescu Pogrome möglich wurden, die vielen von ihnen das Leben kosteten. Nicolette Franck verkehrte regelmäßig im Haus des ehemaligen Königs Michael. Den Umständen seiner Abdankung hatte sie eine historische Abhandlung gewidmet. In dem seinerzeit taufrisch in Paris erschienenen Buch La Roumanie dans l’ Engrenage; dessen mögliche Edition ich in ihrem Auftrag auch Deutschland ausloten sollte, beschrieb sie auf Informationen aus erster Hand gestützt, wie Michael I., König von Rumänien, von inländischen Stalinisten mit vorgehaltener Pistole gezwungen wurde, das Ausscheiden Rumäniens aus der mehr als vier Jahre andauernden Allianz mit Hitler-Deutschland und der Wehrmacht zu unterschreiben; also nach außen hin einen unfreiwilligen königlichen Putsch zu vollziehen, in welchem auch der bald darauf verurteilte und exekutierte Marschall Antonescu entmachtet wurde. In der deutschen Historiographie, mehr noch im Bewusstsein der weniger genau informierten Allgemeinheit, ist dieser Akt der Kapitulation eher als Verrat interpretiert und empfunden worden – nicht zuletzt von den Volksdeutschen aus dem Banat und Siebenbürgen, die die daraus erwachsenden Konsequenzen bis zum Exodus hin auszubaden hatten. Aus dem abrupten Abfall des Bündnispartners erwuchs möglicherweise ein gewisses Ressentiment, aus welchem das spätere Desinteresse Deutschlands an dem politischen Schicksal Rumäniens zu erklären wäre. Es ist mir aus zeitlichen Gründen leider nicht gelungen, diese Diskussion, die mich auch als Historiker faszinierte, weiter zu verfolgen. Gleichzeitig wirkte Nicolette Franck als Genfer Korrespondentin der Brüsseler Tageszeitung La Libre Belgique. In dieser Eigenschaft sorgte sie dann auch dafür, dass unsere ausführlich geplante und gut vorbereitete Aktion, die rumänische Regierung auf internationaler Ebene zur Verantwortung zu ziehen und zu verklagen, angemessen in der Brüsseler Zeitung veröffentlicht wurde. Da ich der einzige Repräsentant der 1979 in Rumänien gegründeten Freien Gewerkschaft rumänischer Werktätiger, kurz SLOMR, war, der im Westen lebte, kam mir die Aufgabe zu, als so genannter porte parole, als Sprecher dieser inzwischen unterdrückten Vereinigung, aufzutreten und die Sache in der westlichen Öffentlichkeit zu vertreten. Dazu war ich geistig wie politisch in der Lage, da ich die Protestbewegung – zumindest in Temeschburg – selbst konzipiert und organisiert hatte. Selbst hatte ich mir die mit vielen persönlichen Risiken behaftete Aufgabe, als anklagender Zeitzeuge aufzutreten, die von einem genuinen Rumänen vielleicht besser hätte wahrgenommen werden können, nicht ausgesucht, sondern ich nahm sie aus einer moralischen Verpflichtung heraus an, wie ich gebraucht wurde – und weil es zu meiner person keine Alternative gab. Flankiert werden sollte ich bei der Klageaktion von Menschenrechtsorganisationen, speziell von der rumänischen Liga für Menschrechte aus Paris, und von Exilgruppierungen demokratischer Rumänen vorwiegend aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Auf der Grundlage meiner authentischen Aussagen über den Ablauf der Gewerkschaftsgründung in Banat sollte ein Dossier erarbeitet werden, eine Akte, in welcher die wichtigsten Menschenrechtverletzungen in Rumänien seit der Verabschiedung der gemeinsamen Charta der KSZE-Konferenz von Helsinki festgehalten wurden, unter besonderer Berücksichtung der Gründung einer freien Werktätigengewerkschaft SLOMR in Rumänien, Monate vor den turbulenten Ereignissen in Polen. Die Gründung von Solidarnosc in Polen, die Ausweitung der Bewegung in Millionen-Mitglieder-Dimensionen und die letztendliche Verhängung des Kriegsrechts unter General Jaruzelski, die gerade in der Realität abliefen, bildeten den geistigen wie politischen Hintergrund dazu.

Mehr zur Thematik auch unter:

http://books.google.de/books?id=ykTjXDg8uycC&pg=PA313&lpg=PA313&dq=carl+gibson+rhapsodie&source=bl&ots=uk12-BovDD&sig=fdvi9QpWohkt8VKvssgupZbLSUA&hl=de&ei=jBZqTrOVHonSsgaKntnmBA&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=1&ved=0CB0Q6AEwAA#v=onepage&q&f=false



Die ewige Wiederkehr des Gleichen?
Absterben und Wiedergeburt?
Vergehen und Werden?

Ist alles nur ein "heimlich still vergnügtes Tauschen", wie es Lenau in einem seiner Waldlieder unübertroffen poetisch prägnant ausdrückt?



Weiße Rose
im September




Rosen-Quintett





Nikolaus Lenau

An die Entfernte

Diese Rose pflück ich hier,
In der fremden Ferne;
Liebes Mädchen, dir, ach dir
Brächt ich sie so gerne!

Doch bis ich zu dir mag ziehn
Viele weite Meilen,
Ist die Rose längst dahin,
Denn die Rosen eilen.

Nie soll weiter sich ins Land
Lieb von Liebe wagen,
Als sich blühend in der Hand
Läßt die Rose tragen;

Oder als die Nachtigall
Halme bringt zum Neste,
Oder als ihr süßer Schall
Wandert mit dem Weste.










































Helles Aufleuchten vor dem Zerfall


Im Duett



"Daß alles Schöne muß vergehen
Und auch das Herrlichste verwehen,
Die Klage stets auf Erden klingt;
Doch Totes noch lebendig wähnen,
Verwirrt das Weltgeschick und bringt
Das tiefste Leid, die herbsten Tränen."
Nikolaus Lenau




Mehr über
Nikolaus Lenau
unter
 
 
Interpretationen zur Dichtung Lenaus in meinem Werk:
 
 
Carl Gibson, Lenau. Leben - Werk - Wirkung.
Heidelberg 1989, 321 Seiten.
 
Dieses viel zitierte Standardwerk der Lenau-Forschung ist -
laut World Cat Identities und neben einer Studie des Freud Schülers Isidor Sadger über das Liebesleben Nikolaus Lenaus -
das weltweit am meisten verbreitete Werk über den Spätromantiker und Klassiker der Weltliteratur Nikolaus Lenau .
 
Der leider viel zu früh verstorbene Germanist und Nietzsche-Forscher Prof. Dr. Theo Meyer erkannte in diesem Werk
"einen Markstein der Lenau-Forschung.
Es ist überhaupt die prägnanteste Lenau-Monographie. es dürfte zum Besten gehören, was über Lenau überhaupt geschrieben worden ist."
 
Das Werk, das mir, dem Autor bisher noch kein Einkommen generiert hat, wurde in acht Teilauflagen gedruckt. Die Leinen-Ausgabe ist seit vielen Jahren vergriffen. Ein Restbestand der kartonierten Ausgabe liegt - ungeachtet anderer Meldungen im Internetbuchhandel - noch vor und kann beim Winter Verlag, Heidelberg bezogen werden.
Trotzdem ist eine grundlegend überarbeitete Neu-Edition dieser Monographie angesagt,
da die Werke und Briefe Lenaus inzwischen in einer historisch-kritischen Ausgabe vorliegen.
 
Fotos: Carl Gibson
©Carl Gibson
 


Samstag, 3. September 2011

Das "verlorene Schaf" und der wiedergefundene "Freund"

Irgendwo in der Bibel kann man sie nachlesen - die Geschichte vom "verlorenen Schaf",
das glücklich zurück zur Herde findet.

Ein Gleichnis!?

Ja, wenn man längst Verlorenes wieder findet, ist die Freude groß.

Die Kirche freut sich, wenn ein reuiger Sünder zurück findet in den Schoß der Mutter.

Die Gesellschaft freut sich, wenn alte Kommunisten zu Wertkonservativen mutieren,
wenn opporunistische Wendehälse ihre geistigen Schandtaten von gestern vergessen wollen.

Ich freue mich, einen "alten Freund" aus der Gefängniszelle wieder zu finden,
den ich mehr als 30 Jahre vermisst hatte:

Nicolae Radoi,

im Gefängnis Popa Sapca von Temeschburg (Timisoara) war dieser Baptist und Widerstandskämpfer gegen die Kommunisten Ceausescus mein "Paketgenosse".

Gestern rief er mich an, aus San Antonio in Texas, USA,  wo er - zu Glück und Wohlstand gelangt - seit 1981 lebt.
Wir redeten eine gute Stunde miteinander und tauschten Erinnerungen aus.

Auf seinem Blog hat er jüngst eine Geschichte veröffentlicht, wie er mich vor dem Gummiknüppel eines sadistischen Wächters bewahrte, der mich verprügeln wollte, nachdem ich während des Wachdienstes in der Nacht in der 13-Mann Zelle eingeschalfen war.
Das war 1979.
Das alles hatte ich längst vergessen.
Er nicht.

Nicolae Radoi klärt weiter auf
und berichtet heute auf seinem Blog über die Unterwanderung des ALRC ( des Komitees zur Verteiding des Christentums in Rumänien, das er mitgeründet hatte) und über die weiteren Machenschaften der Securitate bis zum heutigen Tag.

Er musste seinerzeit ausreisen.

Nach dem Fall des Kommunis mus in Osteuropa kehrte Radoi 1990 nach Temeschburg zurück,
wo die "Antikommunistische Proklamation" auf den Weg gebracht wurde,
sieben Jahre vor dem tatsächlichen Struz der Kommunisten im Land.

Nicolae Radoi hielt damals eine feurige Rede:
"Jos comunismul" -
"Nieder mit dem Kommunismus":

http://www.youtube.com/watch?v=6vI-6kbE_xY&feature=related

Radoi erwähnt seineLeiden in der stalinistischen Gefängniszelle in Temeschburg, wo er mit den "Jungs von der SLOMR" einsaß - "baietii de la SLMR" ( gemeint sind die SLOMR-Gründer in Temeschburg Erwin Ludwig und Carl Gibson).

"?

Foto: Carl Gibson

Litfaßsäule mit der antikommunistischen "Proklamation von Temeschburg".

Temeschburg, die Großstadt im Westen Rumäniens, wo im Herbst 1989 die "blutige Revolution" gegen die kommunistische Diktatur von Nicolae Ceausescu einsetzte, war die erste Stadt im Land, die sich vom "Kommunismus" als Ideologie der Welterlösung für alle Zeiten distanzierte.



In meinem Buch "Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceausescu-Diktatur" widmete ich dem alten Freund und Leidensgenossen aus der Zelle, dem Schäfer Nicolae Radoi, gleich zwei Kapitel.

Wir werden uns treffen, Erinnerungen und Fakten austauschen sowei Versäumtes nachholen.

"wenn Gott will" ... so redete "Lae"

Wohlan! - "Gott hat es gwollt" - deus vult" ( Schlachtruf der Kreuzfahrer im Heiligen Land!),
dass wir uns wiederfanden.

Das Schaf fand zur Herde. Eine schöne Allegorie.


Nicolae Radoi war ein sehr erfolgreicher Schäfer im Banater Bergland.


Wie kam der Kontakt zustande?

Uber den Banatblog unter:

http://www.banatblog.eu/banater-autoren-carl-gibson-symphonie-der-freiheit/comment-page-3#comment-16601

Radoi schrieb dort folgendes:

"Draga Carl Gibson,
Am gasit comentariul d-voastra la addressa :
http://istoriabanatului.wordpress.com/2010/04/01/mircea-rusnac-contributii-banatene-la-miscarea-de-opozitie-religioasa-anticomunista-a-l-r-c-1978/
am ramas impresionat de ce a-ti scris si vreau sa ne intilnim.
telefon meu este : 1(830) 688 – 0050
scriemi pe blogul meu: http://www.radoinicolae.blogspot.com/
felictari pentru carte:
Radoi Nicolae, eu locuiesc acum in san antonio, Texas.
aceste rinduri au fost scrise de un prieten de al meu Tarziu Ioan, din NEW YORK"


Bereits vor Jahren hatte ich angeregt, die Materie ALRC ausgiebiger zu erforschen, nachdem im
"Report zur Analyse der kommunistischen Dikatur in Rumänien"
des Historikers und Präsidenten-Reportkoordinators Vladimir Tismaneanu, Professor an der Universität Maryland, USA, und seiner 50 Autoren einiges über ALRC und SLOMR geschrieben worden war.

http://tismaneanu.wordpress.com/


Der Historiker Mircea Rusnac nahm die Arbeit auf und publizierte zwei Arbeiten,
eine über ALRC:

http://istoriabanatului.wordpress.com/2010/04/01/mircea-rusnac-contributii-banatene-la-miscarea-de-opozitie-religioasa-anticomunista-a-l-r-c-1978/


und eine über SLOMR in Temeschburg (Timisoara) Banat, Rumänien:

http://istoriabanatului.wordpress.com/2010/02/21/mircea-rusnac-s-l-o-m-r-sindicatul-liber-al-oamenilor-muncii-din-romania-1979-aspecte-banatene/


.


Foto: Carl Gibson

Denkmal für die Opfer der antikommunistischen Revolution von 1989,
die in Temeschburg ihren Anfang nahm.
Im Hintergrund die Oper. 


Auszug aus meinem Buch "Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceausescu-Diktatur":



Ein Hirte aus dem Bergland – oder: Von der Freiheit, für seinen Glauben einzustehen

Deus volunt!
Schlachtruf der Kreuzfahrer


In der Zelle herrschte eine natürliche Fluktuation. Von Zeit zu Zeit wurde ein Häftling ent-lassen oder nach schwer zu erratenden Kriterien verlegt. Andere kamen hinzu, unter ihnen auch so genannte Zuträger und Petzer, die gezielt eingeschleust wurden, um den wach-habenden Offizieren zu berichten, was in der Zelle ablief und was diskutiert wurde. Die In-formationen der Erpressten konnten dann für weitere Erpressungen eingesetzt werden. Im Rahmen eines solchen Austausches wurde eines Tages ein Häftling in meine Zelle verlegt, dessen Nähe ich bald suchen und mit dem ich mich auch rasch anfreunden sollte.
Er war ein Mann wie ein Bär; groß, etwas korpulent, gutmütig und unscheinbar, ein Rund-kopf mit Mondgesicht und blonden Haaren. Das Haupt einer Großfamilie mit vier, fünf Kindern hatte eine einjährige Gefängnishaft abzusitzen, obwohl ihm keine eigentliche Straf-tat vorzuwerfen war. Dieser Hüne hieß Nicolae mit Vornamen wie der geliebteste Sohn des Vaterlandes, Staatschef Ceausescu, wie Nick aus Bukarest und wie jener Clown aus dem Gerichtssaal, dessen Verdikt unser Hiersein zur Folge hatte. Er war ein fromm gewordener Christ, ein Neoprotestant und als Baptist ein Glaubensbruder des amtierenden amerikani-schen Präsidenten Carter – für uns war er nur Lae.
Nach einem Saulus-Paulus Erlebnis hatte Lae sein sinnlich sündhaftes Leben aufgeben und war, erleuchtet durch die feurigen Zungen zu Pfingsten, auf den Pfad der Tugend zurück-gekehrt. Wie einst ein späterer amerikanischer Präsident hatte er einen neuen Pfad beschritten und sein Seelenheil bei einem Gott hinter den Sternen gefunden. Der Alkohol, dem er zeitweise verfallen war, hieß nunmehr Satan. Inzwischen war aus ihm ein wahrer Christ geworden, ein pietätvoller Christ, ein geläuterter Phönix, wahrhaftig verändert der Asche entstiegen. Das Christentum im Verständnis der Baptisten war nunmehr seine einzige geistige wie religiöse Heimat; und Christus war für ihn der persönliche Gott überhaupt, während der Teufel, den er früher konkret in Rausch und Zorn erfahren hatte, ihm hier noch genauso präsent war als die leibhaftige Verkörperung des Bösen im Gefängnisumfeld. Sein Gottesbegriff und seine naive Religiosität erinnerten mich an mein frühes Suchen als Kind, als ich mir in der Auseinandersetzung mit dem katholischen Religionsunterricht mein Gottesbild zurechtzulegen versuchte und mich fragte, wie die Schlange ins Paradies kam.
Was hatte Lae eigentlich verbrochen? Gegen welche Gesetze hatte er verstoßen? Er war, wie ich es aus seinen mehrfachen Schilderungen erfahren hatte, während eines Gottes-dienstes zusammen mit anderen Glaubensbrüdern recht heftig an die Securitate geraten, die herbei geeilt war, um eine nicht genehmigte religiöse Feier zu unterbinden. Mutig und ent-schlossen hatte er – nach dem Vorbild Christi im Tempel – die rüden Staatsdiener einfach aus dem selbst errichteten Gotteshaus hinaus geworfen. Einfach so, aus dem unmittelbaren Gefühl heraus. Selbst die Frauen der Gemeinschaft hatten sich auf die Atheisten gestürzt und entschlossen die Kultstätte verteidigt. Für diesen Widerstand gegen die Staatgewalt war er dann zusammen mit zwei weiteren Baptistenführern verurteilt und mit Haft bestraft wor-den. Das war seine Geschichte, zumindest die Version, die er im Gespräch mit mir zum Bes-ten gab. Denn noch vertraute er mir nicht ganz. Vielleicht wollte ich ihn ja nur aushören? In Wirklichkeit hatte er viel mehr auf dem Kerbholz.
Nicolae Radoi war einer der neun Gründungsmitglieder des Christlichen Komitees zur Ver-teidigung der Glaubens- und Gewissensfreiheit in Rumänien, einer kaum erst ins Leben ge-rufenen oppositionellen Organisation, die sich der schweizerischen Christian Solidarity In-ternational angeschlossen hatte. Zwei weitere Mitglieder, die Baptistenprediger Petre Co-carteu und Dimitrie Ianculovici, waren ebenfalls hier, nur in anderen Zellen. Ihre Grün-dungsaktion war als ein politischer Akt interpretiert worden, der sich gegen das kommunis-tische Regime richtete. Darüber schwieg Lae zunächst, obwohl er wusste, dass wir beide ei-gentlich politische Häftlinge waren, eine Spezies, die es offiziell gar nicht geben durfte.
„Gibt es ein Recht auf Widerstand, ein natürliches Widerstandrecht, Lae?“ fragte ich ihn, nachdem er mir die Rauswurfaktion lebhaft ausgemalt hatte.
„Es gibt sogar eine Pflicht zum Widerstand!“ brach es aus ihm hervor. Seine Augen leuchte-ten vor Begeisterung. Die feurigen Zungen von Pfingsten, ein Fest das wie alle anderen oh-ne Spur an uns Häftlingen vorüber zog, nährten ihn scheinbar immer noch.
„Immer, wenn die Staatsmacht die Menschenrechte mit Füßen tritt, müssen wir Bürger ein-schreiten und unsere biblisch angestammten Rechte verteidigen. Christus, der Herr, hat es uns vorgemacht und uns gezeigt, wie wir handeln müssen! Schau in die Bibel – die Heilige Schrift hat auf alle Fragen eine Antwort! Sie ist das Gesetz. Nach ihren Vorgaben müssen wir handeln. Lese darin, und du wirst meine Worte verstehen.“




Foto: Carl Gibson

Die alte Bastei aus der k. u. k. -Zeit - Treffpunkt Andersdenkender, Ort der "Konspiration" und der Aushorchung durch Spitzel der Securitate.




Religiöse Dissidenz – oder: Von der Vision einer freien Kirche in einem freien Land


Da Lae bereits einige Zeit in Erwins Zelle verbracht und sich dort mit ihm angefreundet hat-te, kannte er unseren nonkonformistischen Werdegang bereits. Und er wusste genau, wes-halb wir saßen. Nur er redete nicht gern darüber, weil ihm das Politisieren nicht lag. Wir verstanden uns auf Anhieb, ohne dass es bedurfte eines tieferen Kennenlernens bedurft hätte – denn wir waren nicht nur gemeinsame Passionsgefährten; sondern wir waren auch, obwohl die Bezeichnung offiziell peinlichst vermieden wurde, faktisch allesamt politisch Verurteilte und als solche miteinander solidarisch.
Trotzdem witterte Lae, der eher von religiösen Impulsen bestimmt wurde als von ideo-logischen, in mir den Ungläubigen, den frivolen Ketzer, der gern auch Mal einzelne Bibel-geschichten verhöhnte, während er in meinem Gefährten den Bruder sah. Intellektuelle Aus-einandersetzungen waren ihm fremd. Vor allem das Gefasel von monotheistischen und dualistischen Weltinterpretationen, von zoroastrischen, manichäischen oder anthropo-sophischen Deutungen wollte er nicht hören. Er hatte seine Linie – und das genügte.
„Lae“, sprach ich ihn während eines ruhigen Moments an, „mir ist beim Duschen einer dei-ner Glaubensbrüder begegnet; ein kleines drahtiges Männlein, mit langem Kopf und starkem Bartwuchs. Er berichtete mir von den oppositionellen Abläufen draußen…und hatte Nach-richten aus Bukarest und aus Paris? Wer war diese fragile Gestalt?“
„Das kann nur Dimitrie Ianculovici gewesen sein! Einer unserer besten Prediger in Karan-sebesch. Wir kennen uns seit Jahren. Treu ist er und absolut zuverlässig! Du kannst ihm blind vertrauen.“
„Weshalb hat man ihn eingesperrt?“, bohrte ich weiter.
„Es hat mit unserer Vereinigung zu tun, mit dem Komitee zur Selbstverteidigung der Chris-ten. Wir haben es zusammen mit unserem Freund Pavel Nicolescu, den sie schon nach New York abgeschoben haben, und einigen anderen Baptisten aus der Region gegründet. Petre Cocarteu, unser anderer Prediger, ist auch hier. Er wird bald entlassen werden – und dann bin hoffentlich auch ich dran. Die Securitate hat unseren Zusammenschluss längst aufgelöst. Sie dulden keine Form der Opposition, auch keine religiöse. Jetzt wollen sie uns in alle Winde zerstreuen…unsere Vereinigungen unterbinden, die Gemeinschaft der Gläubigen zerschlagen… aber wir werden uns wieder treffen, feiern, singen…und neue Zentren grün-den, auch ohne ihre Zustimmung, wenn der Herr es so will! Du weißt, ich bin Hirte und weiß, wie man eine Herde zusammen hält…manchmal braucht man auch ein paar Hunde dazu. Gott hat uns den Weg gezeigt. Wir werden nicht wanken, sondern weitermachen, so wie die ersten Christen in den Löwenkäfigen der Römer! Damals wurden die Urchristen von Diktatoren verfolgt. Von Nero, Caligula, selbst von Mark Aurel, dem Philosophen im Kai-sergewand. Heute ist es nicht viel anders, heut sind wir Baptisten dran, nachdem man die griechisch-katholischen Christen schon ausgerottet hat. Stalin, dieser Teufel, hat den Hass gesät! Und unsere Kommunisten hier, seine Helfershelfer von Anfang an, machen in seinem Sinne weiter mit ihren Verfolgungen. Sie wollen eine reine atheistische Gesellschaft auf-bauen, eine Welt, die ohne Gott auskommt, ohne göttliches Recht und ohne Menschenrechte für alle! Sie hetzen nun wieder gegen uns in der Presse, verunglimpfen und verspotten uns als einfältige und rückständige Menschen! Doch wir vertrauen auf das Gute…und wir hof-fen auf Amerika! Präsident Carter, der, wie du vielleicht schon erfahren hast, ein be-kennender Baptist ist und ein exzellenter Prediger noch dazu, wird uns nicht verlassen – wie auch Gott uns nicht im Stich lassen wird!“
Aus Laes Ausführungen war deutlich herauszuhören, dass er sich als Teil einer religiösen Bewegung verstand, die sich dem atheistischen System widersetzte. Doch Lae war nicht der Theoretiker der Bewegung, die auch orthodoxe Christen und vermutlich auch ungarische Katholiken mit einbezog, sondern nur ein wuchtiges Mitglied des Ganzen, ein Fels in der Brandung, der ihrer Dissidentengruppe noch mehr Gleichgewicht und Stabilität gab. Die denkerische Vorarbeit war schon früher von Iosif Ton geleistet worden, einem freisinnigen Baptisten, der in England studiert hatte und danach heimgekehrt war, ferner von Nicolescu und Cocarteu, den beiden Predigern des Kreises. Ohne die denkerische Vorarbeit, die in un-serem Fall im OTB-Kreis von dem Alten und dem Musiker geleistet wurde, wäre eine dau-erhafte oppositionelle Struktur nicht möglich gewesen. Es bedurfte dieser mehrjährigen Vorarbeit, um das entsprechende Bewusstsein des Ankämpfenden zu formen. Doch Lae ging der politischen Diskussion aus dem Weg, wohl aus Furcht, Cocarteu und Ianculovici irgendwie belasten zu können. Wir waren nach wie vor belauscht mit Ohr und Blick – und im Grunde konnte keiner dem anderen Vertrauen.
Lae selbst war angewiesen worden, über die vertraulichen Gespräche mit mir zu berichten. Davon erfuhr ich erst unmittelbar vor seiner Entlassung. Unsere theologischen Debatten hingegen waren weitaus unverfänglicher, nicht zu letzt deshalb, weil sie von lauschenden Ohren weder richtig verstanden, noch umfassend wiedergegeben werden konnten.
„Meinst du, Lae, es ist göttlicher Wille, dass wir hier im Kerker sitzen? Dass man uns der Freiheit beraubt und uns der Angst und dem Schrecken preisgibt? Kann Gott das wollen?“ provozierte ich weiter, um auszutesten, wo Laes Toleranz endete. Lae hatte weder etwas von Epikur gelesen, noch von Dostojewski oder Nietzsche. Was kümmerte ihn die Theodizee?
„Quäle mich nicht mit solchen Sachen!“, gab er ungehalten zurück. „Was Gott tut, ist gut getan. Wir müssen daran glauben. Und nicht immer unsinnige Fragen stellen wie kleine Kinder, die noch nichts von der Welt verstehen. Zweifle nicht an Gott, glaube an ihn. Gott ist unsere Stütze, auch hier in der Zelle. Nur durch ihn werden wir Erlösung finden. Und wenn er will, dass wir hier eine Weile leiden, dann wird das richtig sein. Wir können den letzten Sinn der Dinge nicht durchschauen. Wir können auch nicht in Gottes Plan eingreifen. Die Allmacht brauchen wir nicht zu erkennen; wir können sie fühlen.“
Laes Argumente überzeugtem mich zwar nicht ganz – doch ich wollte nicht weiter den Ad-vocatus diaboli spielen und, wie ein Naphta auf dem magischen Berg, in ihn dringen, um ei-ne Rechtfertigung Gottes, einen Gottesbeweis oder eine Begründung des Bösen in der Welt zu hören. Hinweise, die gegen eine prästabilierte Harmonie und gegen eine höheren Sinn der Schöpfung sprachen, gab es viele vor unseren Augen als Unrecht und Leiden. Nicht zuletzt waren unsere Biographien ein Teil davon.
Lae war überzeugt, die unselige Zeit des Kommunismus würde irgendwann zu Ende sein, wenn Gott in seiner Weisheit und Güte dies so beschlossen hatte. Vielleicht führte er, dass ein anderer Erzengel nahen würde, ein andere Michael, der den Weg dazu bereiten würde. Wenn alles vorherbestimmt war, dann war jener Michael schon unterwegs – aus der Wüste nach Moskau und von dort in die Welt.
Während ich ein weltanschaulicher Skeptiker blieb, bereit, an allem zu zweifeln, nur nicht an der eigenen Individualität, und damals dem Pantheismus näher stand als mono-theistischen und dualistischen Weltanschauungen, hielt Lae unerschütterlich an einer persönlichen Gottesvorstellung fest, an seinem Christus, der Gewissheit geworden war. Mit etwas Neid bewunderte ich Laes Naivität, hinter der sich ein fester Glaube verbarg und ein hohes Maß an kosmischer Geborgenheit, konnte sie aber nicht übernehmen, da mir die religiöse Innerlichkeit fehlte. Man ist entweder zum Homo religiosus geboren oder zum aufgeklärten Freidenker bestimmt. Trotz der Einsicht in die tiefere Notwendigkeit eines festen Glaubens gerade hier in der Enge der Zelle konnte ich nicht aus meiner Haut heraus. Das war immer schon so. Rationalität und Einsicht konnten keinen Glauben hervorbringen. Ich war eben kein Augustinus, kein asketischer Anachoret, auch kein Mystiker, der Jesus als das Prinzip der universellen Liebe verinnerlicht hat, sondern ein aufgeklärter Mensch der Jetztzeit, der die Gottferne auf seine Art zu bewältigen hatte; über die bloße Vernunft und über das folgerichtige Denken. Religiöser Fanatismus und Fundamentalismus empfand ich als Sackgasse, als der Freiheit entgegengesetzte Prinzipien, die die Welt unsicherer machten. Einige weltpolitische Ereignisse, die mich noch vor der Verhaftung betroffen gemacht, ja geschockt hatten, verwiesen darauf. In Pakistan wurde der reformerisch orientierte Zulfilkar Ali Bhutto von rechtskonservativen Putschisten unter General Zia ul-Haq gestürzt und am Tag unserer Verhaftung am Strang hingerichtet – eine Diktatur mehr auf der Welt. Und in den instabilen Iran, der den Schah verjagt hatte, kehrte ein anderer finsterer Retter zurück: Ayatollah Chomeini. Doch von den kommenden Entwicklungen, die das Ende des Baptistenidols und Menschenrechtlers Jimmy Carter einleiten sollte, ahnten wir beide in der tiefsten Abgeschiedenheit einer rumänischen Gefängniszelle noch nichts.
Im Gegensatz zu mir hatte Lae hatte sogar zwei Seelen in seiner Brust, Wesenheiten, die grundverschieden waren und doch nicht auseinanderstrebten und ihn zerrissen, sondern in eigener Eintracht im Ausgleich bestehen konnten. Die eine Seele führte ihn hinauf, mehr im Glauben als im Erkenntnisstreben, hin in höhere Sphären des Metaphysischen, die Andere aber band ihn an die Scholle, von der er seit Generationen lebte. Einerseits war er der bibel-feste Hirte, der seine Lämmer weidete, der konservativ fühlte und ein familien- und gemein-schaftsbezogenes, gottgefälliges Leben führte, zu dem er nicht viel mehr brauchte als ein paar Freunde, seine Glaubensbrüder und die intakte Natur des Banater Berglands auf dem Munte Semenic; andererseits fuhr er mit einer schwarzen Wolga, eine Marke, die eigentlich nur Parteibonzen zur Verfügung stehen sollte, durch die Gegend und arbeitete noch als Fernfahrer, selbst im westlichen Ausland. Solange seine kopfstarke Familie zurück blieb, durfte er die Grenzen passieren. Das weitete seinen Horizont und verschaffte ihm Einblicke in die demokratischen Wertestrukturen des Westens, die den meisten Rumänen verborgen blieben. Da er seine beiden Welten gut miteinander zu verbinden verstand und darüber hin-aus auch noch ein tüchtiger Mann war, gelang es ihm, in kurzer Zeit ein beachtliches Ver-mögen aufzubauen. Er wurde zum Millionär, und dies vor der galoppierenden Inflation, die sich später mit dem zunehmenden wirtschaftlichen Niedergang Rumäniens einstellte.
Privater Wohlstand jedoch war den Kommunisten ein Dorn im Auge, reizte sie und forderte sie heraus. In einem Staat, wo alle gleich arm sein sollten, ausgenommen Parteimitglieder, die privilegiert über eigene Kanäle versorgt wurden, galt ein wohlhabender Bürger als Pro-vokation, als Herausforderung der sozialistischen Gesellschaft. Schließlich hatte man doch gerade erst mit großem Aufwand alle bürgerlichen Strukturen des alten Klassenfeindes zer-schlagen – und jetzt regte sich die private Initiative erneut…und war sogar effizienter und erfolgreicher als die sozialistische Kolchos- und Planwirtschaft. Eine Ungeheuerlichkeit! Konnte das mit rechten Dingen zugehen? Oder waren diese antisozialistischen Empor-kömmlinge nichts anderes als Räuber, die sich aus dem Volkseigentum bedienten? Freche Diebe, die sich auf Kosten anderer und der Volksgemeinschaft bereicherten? Dagegen gab es strenge Gesetze!
Lae hatte ein großes Haus, eine wohlgenährte Familie, zeitweise sogar eine Mercedes-Limousine und noch einen stattlichen Batzen auf der einzigen Bank im Land – bei der staat-lichen CEC! Bestimmt hatte er auch noch einiges im Strohsack oder irgendwo im Berg ver-graben. Die Tatsache, dass er auch noch ein Baptist war, ein religiöser Sektierer, der sich von der gleichgeschalteten Orthodoxen Kirche absetze, der die aufgeklärte, atheistische Weltanschauung ablehnte, um an einer rückständigen Gottesvorstellung festzuhalten, mach-te ihn doppelt verdächtig.
„Alles, was sie auf meinem Hof gesehen haben, hat ihnen natürlich nicht gefallen“, erzählte mir der Riese, dessen Unterarm kräftiger war als mein Oberschenkel, im Vertrauen.
„Sie sind eines Tages zu viert bei mir angerückt, mit einem Buchalter, und haben mich zur Rede gestellt, wo das Ganze her sei. Sie wollten mich natürlich brennen, kriminalisieren, einsperren – doch ich habe genau nachweisen können, woher der Besitz stammt. Ich habe ihnen meine Lohnzettel als Fernfahrer vorgelegt. Dann habe ihnen ausführlich erklärt, was ein Hirte so alles erarbeiten kann, wenn er gut wirtschaftet. Du weißt es sicherlich! Wir Ru-mänen sind ein Hirtenvolk! Die Mioritza kündet davon! Drei Landesteile – drei Hirten…Die Schafe durchziehen unser Leben und unsere Literatur wie die Esel unsere Politik, seit Jahr-hunderten! Wir Rumänen verstehen etwas von Schafwirtschaft… Bei der Prüfung habe ich den Leuten von der Geheimpolizei und der Partei genau dargelegt, wie viele Lämmer im Jahr aus einer Herde von sechshundert Schafen hervorgehen, wie diese vermarktet werden, was die Wolle einbringt, was mit der Milch geschieht und wie unser guter Käse entsteht, wie er gelagert und zu welchen Preisen er auf dem Markt verkauft wird…ich habe alles schwarz auf Weiß dargelegt, und ihnen alles vorgerechnet, präzise, mit spitzem Stift. Schließlich mussten die Burschen die Zahlen anerkennen und abziehen, ohne mich wegen illegaler Be-reicherung einlochen zu können. Das war ein Glück. Denn eine ungerechtfertigte Be-reicherung hätte mir ein paar Jahre mehr eingebracht. Also bin ich heilfroh, nur als Christ verurteilt worden zu sein! Als bescheidener Märtyrer unseres Glaubens, für christlichen Widerstand gegen Hammer und Sichel, im Einsatz für das Kreuz! Für eine Abwehrhaltung, für Notwehr gegen die Allmacht eines ideologieblinden Staates! Wenn Gott will, werden die feurigen Zungen auch noch andere erfassen und ihnen den rechten Weg weisen!“
Lae war kein großer Redner; doch seine Worte hatten Substanz. Er war gut doppelt so alt wie ich und weitaus reicher an Lebenserfahrung.
Nach Laes Ausführungen wurde mir schlagartig bewusst, dass auch meine Eltern, die im privaten Sektor mehr erwirtschafteten als über das offizielle Einkommen herein kam, eben-falls jederzeit mit solchen Anschuldigungen konfrontiert werden konnten. Noch gefährdeter waren jene Gemüsebauern aus Triebswetter, woher meine damalige Freundin Edith stammte und Richard, der über die Donau entkommen war, die mit Paprika ein Vermögen verdienten. Da es im Land kein Steuersystem gab, und die Erlöse aus dem Verkauf der Produkte, nach Abzug von Maut und Standgebühren, fast dem Reingewinn gleichkamen, schwammen ein-zelne Erzeuger im Geld. Das repressive System scheute es jedoch nicht, gerade in den Rei-hen der deutschen Minderheit durchzugreifen, wenn nur der leiseste Verdacht einer illegalen Tätigkeit aufkam. Unterschlagung und Bestechung waren ähnliche Delikte, wo man gern nach einem deutschen Sündenbock suchte. Wenn die Situation es hergab, suchte die Polizei gezielt nach einem Baptisten, einem Deutschen, einem Ungarn oder einem Anderen, um ei-ne Straftat zu rechtfertigen und zu ahnden. Blond und Schwarzbraun galten als verdächtige Farben. Allein in meinem persönlichen Umfeld gab es Beispiele dafür.
Was wurde aus Lae, in dessen Biographie sich so viele Abgründe des totalitären Systems spiegelten? Was wurde aus dem fromm gewordenen, religiösen Dissidenten, der mit seinen Glaubensbrüdern von einer freien Kirche in einem freien Staat träumte? So hatten sie ihr I-deal in einer Erklärung selbst definiert. Sie gingen dorthin, wo die Religionsfreiheit sehr großzügig gehandhabt wird; sie gingen nach Nordamerika und dienten dort im Rahmen ihrer Gemeinschaft ihrem Gott auf ihre Weise. Zumindest einigen von ihnen gelang der Aus-bruch. Die Gründungsmitglieder des Komitees zur Verteidigung der Religionsfreiheit im Rumänien, die Prediger Pavel Nicolescu und Petre Cocarteu, lehren auch heute noch das Wort Gottes im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dimitrie Ianculovici, wesentlich sensibler und zerbrechlicher als seine Mitstreiter, verfiel, in der freien Welt angelangt, der Depression, dann dem Alkohol und irrt heute, nachdem er seit vielen Jahren seine Frau ver-lor, haltlos durch die nächtlichen Pubs von New York – als Opfer der Freiheit oder als Op-fer eines totalitären Systems, das ihm die Geborgenheit seiner Heimat raubte.
Und Lae? Der Bär aus dem Banater Bergland? Was ist aus ihm geworden? Erwin besuchte ihn, als ich schon längst das Land verlassen hatte, oben auf dem Semenic, im Kreis seiner Lieben, wo gerade mit Gästen und Glaubensbrüdern aus dem Ausland Gottesdienst gefeiert wurde. Sie wollten ihn gleich dort behalten – als Teil der Gemeinschaft. Doch dann ver-schlug es Lae doch noch nach Kalifornien, wo sich seine Spur zunächst verlor. Andere Mit-glieder der religiösen Dissidenzbewegung, die an der Seite der Ausgewanderten gestritten hatten, war weniger Glück hold. Wie aus dem Präsidialreport zur Analyse der Diktatur in Rumänien hervorgeht, starben einige von ihnen unter rätselhaften Umständen, nicht anders als weitere Systemgegner, die einfach beseitigt wurden. „Gott ist groß“, sagte Lae, „und Leid und Ungerechtigkeit stammen von den Menschen!“ Durfte ich ihm da widersprechen?”


Der Dom in Temeschburg heute

Mehr zur Banater Geschichte und Opposition hier auf diem Blog bzw.  unter
http://istoriabanatului.wordpress.com/2010/04/01/mircea-rusnac-contributii-banatene-la-miscarea-de-opozitie-religioasa-anticomunista-a-l-r-c-1978/


Weiteres über Nicolae Radoi und seine Auflärung als Zeitzeuge auf seinem Blog ( in rumänischer Sprache) unter:

http://radoinicolae.blogspot.com/

Die Oppositionszeit vereint uns - von der Securitate-Folterstube, übers "Gericht" bis in die Gefängniszelle.
Für Herta Müller war die Securitate-Verfolgung ein literarisches Sujet - für uns war alles echt.
Und der Löwe hat damals noch Zähne.


Nach einem "kurzen Prozess" ohne "Verteidiger" in "öffentlicher Verhandlung"
mit ausschließlich Securitate- und Miliz-Kader als Zuschauer und Publikum,
wurden Erwin Ludwig und Carl Gibson in das Gefängnis Popa Sapca
( nur 300 Meter von Gericht und der Securitate-Zentrale am damaligen Leontin-Salajan Boulevard entfernt) eingeliefert.


Foto: Carl Gibson

Im neuen Glanz - Die "Folterkammer der Securitate" am damaligen Leontin Salajan- Boulevard. heute.

Nach "Stalinisten" benannte Straßen wurden inzwischen in Rückbesinnung auf bürgerliche und monarchische Traditionen umbenannt, Fassaden wurden neu gestrichen -
das Innenleben der Gebäude ist aber oft noch identisch mit dem der Geist der alten Zeit. 

 Polizei und Miliz (links im Bild) nutzen das Bollwerk der Unterdrückung und massiver Menschrechtsverletzungen weiter. 



Foto: Carl Gibson

Das Gericht (Dikasterialgebäude) in Temeschburg, Banat heute.

Hinter diesen Mauern wurden Erwin Ludwig und Carl Gibson,
die Gründer der "Freien Gewerkschaft rumänischer Werktätiger "SLOMR"  in Timisoara "
am 6. April 1979 zu je sechs Monaten Gefängnishaft verurteilt.


Weiterführendes zur SLOMR:

http://de.wikipedia.org/wiki/Sindicatul_Liber_al_Oamenilor_Muncii_din_Rom%C3%A2nia

bzw: http://istoriabanatului.wordpress.com/2010/02/21/mircea-rusnac-s-l-o-m-r-sindicatul-liber-al-oamenilor-muncii-din-romania-1979-aspecte-banatene/

http://en.wikipedia.org/wiki/SLOMR

http://de.wikipedia.org/wiki/Freie_Gewerkschaften_(Osteuropa)


http://origin.europalibera.org/content/article/1458425.html (Audio)

http://www.dw-world.de/dw/article/0,,4191832,00.html




Foto: Carl Gibson

Der "Knast" oder "Bau" in der Popa Sapca-Straße, heute -

Das Gefängnis, wo immer schon "politische Häftlinge" einsaßen.
Eine Tafel am Eingang erinnert heute daran.
Hier saß auch Nicolae Radoi ein.

Ein seltenes Foto - Freunde weigerten sich mehrfach, die Haftanstalt auf meine Bitte hin zu fotografieren;
die Angst vor Repressalien steckt immer noch in den Knochen ehemaliger Staatsbürger.



In den Westen gerettete Bilder zu Nicolae Radois Vita/ Curriculum:


Die Kommunisten haben uns alles genommen,
Haus und Hof,
materielle und immaterielle Güter,
tatsächliche Werte,

einigen nahmen sie die Ehre,
anderen die Würde.

Ein paar Erinnerungen blieben,
auch an Nicolae Radoi ( aus besseren Tagen).
In Rumänien war er ein reicher Mann - als er 1980 in Amerika ankam, hatte er nicht einmal das Geld, um seine Familie zu ernähren.

Es war wie bei Hiob - Gott gab ihm viel
und nahm ihm alles wieder
über die Geißel des Kommunismus -

und nun - im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten",
gab ihm Gott alles wieder zurück!?

Erinnerungen - Amintiri:


Treffen auf dem Semenic.

Der Hüne in derMitte ist Nicolae Radoi,
neben ihm oben: SLOMR-Mitgebründer Erwin Ludwig.



Die Gefährten aus der Gefängniszelle,
Baptist und Widerständler Nicolae Radoi
und Erwin Ludwig von der "freien Gewerkschft rumänischer Arbeiter" "SLOMR",
der ersten in Osteuropa,
ein Jahr vor "Solidarnosc" in Polen.



Picknick auf dem Semenic im Banater Bergland.


Unter Freunden

- Solidarität der Verfolgten.

Im Hintergrund ein PKW der Marke "Wolga",
Laes Wohlstandsausweis nach außen.
Aus dem "Reichtum" wollten die Kommunisten ihm einen Strick drehen, siehe Kapitel oben.


Der gleich Kreis - als die Begegnung stattfand, Monate nach unserer Entlassung aus dem Gefängnis,
weilte ich bereits in der Bundesrepublik.
 
 
Mehr zum Thema Kommunismus hier:
Allein in der Revolte -
Carl Gibsons neues Buch
zur kommunistischen Diktatur in Rumänien -
über individuellen Widerstand in einem totalitären System.

Allein in der Revolte -
im Februar 2013 erschienen.

Das Oeuvre ist nunmehr komplett.
Alle Rechte für das Gesamtwerk liegen bei Carl Gibson.
Eine Neuauflage des Gesamtwerks wird angestrebt.
Carl Gibson

Allein in der Revolte, Buchrückseite


Fotos von Carl Gibson: Monika Nickel

©Carl Gibson. Alle Rechte vorbehalten.