Mittwoch, 29. Februar 2012

Russland, deine Führer - vom letzten Romanow bis zu Gorbatschow und Putin. Essay zur Präsidentenwahl

Die „Matroschka“ - sowjetische Geschichte im Zeitraffer



Aus der Moskauer Puppenkiste - Hommage und Politsatire dargestellt

in Wort und Bild als besinnende Relecture zur Präsidentenwahl in Russland am 4. März 2912.



Michael Gorbatschow geht voran - in eine neue Zeit!?

 

 

Michael Gorbatschow - vom späten Triumph der Freiheit


Glück stellt sich dann ein, wenn Wunder wahr werden, wenn lange geträumte Träume in Erfüllung gehen, wenn sich Wünsche und Aspirationen realisieren, wenn ein großes Fernziel erreicht ist und wenn entrückte Ideale Wirklichkeit werden.
An einem solchen Glücksmoment durfte ich gleich zweimal teilhaben in einem kurzen Leben. Im Jahr 1979, als nach jahrelangem Ringen um bürgerliche Freiheiten und Menschenrechte in einer der bittersten Diktaturen Osteuropas mein Ausbruch in die Welt der Freiheit möglich wurde - und dann ganze zehn Jahre später, in jenem denkwürdigen Herbst des Jahres 1989 noch einmal, als die Völker Osteuropas fast über Nacht die lange ertragene Tyrannei einer totalitären Weltanschauung abschüttelten und frei wurden.
Welthistorische Ereignisse rollten damals vor uns allen ab, fesselnd wie auf einer Kinoleinwand - doch sehr real und diesmal nicht tragisch wie in den verheerenden Weltkriegen und in den weitaus negativ verlaufenden Entwicklungen im Osten Europas während der Nachkriegszeit, sondern aufwärtsgerichtet im Geist der Freiheit auf eine vielversprechende Zukunft hin - als Wandel zum Guten. Nahezu unerreichbare Ziele und Ideale wurden Wirklichkeit. Alles, was in den selbst noch intensivst erlebten Tagen des Kalten Krieges unerschütterlich und für Tausende Jahre zementiert schien, stürzte, innerlich morsch geworden, über Nacht. Ein finsterer Despot wankte und fiel. Und vor meinen Augen vollzog sich im fernen Bukarest der Sturz der letzten Diktatur in Osteuropa, eine Gewaltherrschaft, die meine Existenz über Jahre geprägt und bestimmt hatte. Bald darauf wurde ich noch Zeuge des Zusammenbruchs des gesamten kommunistischen Systems in der sich auflösenden Sowjetunion, ja weltweit, einer Willkürherrschaft, die über Jahrzehnte den Frieden der Welt bedroht hatte. Freudig erschüttert und mit bebenden Herzen erlebte ich in kurzer Zeit gesellschaftliche Umbrüche kaum gekannten Ausmaßes, an dessen Ende die politische Freiheit und Selbstbestimmung ganzer Völker stand.
Der Motor dieser Realität gewordenen Utopie war Michail Gorbatschow. Er entfesselte die Lawine, deren Wucht das moralisch fragwürdige Gebäude des Weltkommunismus zum Einsturz brachte, indem er die „Menschlichkeit in die Realpolitik einführte“ - und indem er überall dort menschlich handelte, wo früher die Staatsraison waltete, die kühl berechnende Macht. Durch sein beherztes Handeln im Zaudern, die Mittel der Repression in voller Wucht einzusetzen wie seinerzeit Breschnew 1968 in Prag, wurde der damalige Präsident der Sowjetunion notwendigerweise zum unfreiwilligen Totengräber einer alten Struktur - und aus der Sicht konservativer Kommunisten sogar zum Verräter an den Idealen und Errungenschaften der einst glorreichen Arbeiterrevolution. Für Millionen Unterdrückte und Geknechtete des kommunistischen Machtbereichs jedoch avancierte er zum unbestrittenen Begründer, ja zum „Vater der Freiheit“ im Europa der Nachkriegszeit. Gorbatschow wurde, um es in pathetischer Würdigung eines symphonischen Kunstwerks auf den Punkt zu bringen, zur „Conditio sine qua non“ der Freiheit in Osteuropa. Ohne diese Persönlichkeit der Weltgeschichte sehe unser blauer Planet heute anders aus.

Michael Gorbatschow als Puppe.

Warten auf … den Retter!


Als sich vor nicht all zu langer Zeit, im Jahr 2003, erstmals die Gelegenheit bot, diesem „Retter der Welt“, denn nicht viel weniger war er in meinen Augen, von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten, Tuchfühlung aufzunehmen und ihm vielleicht im innigsten Dank für das Unterlassene die Hand zu schütteln, nutzte ich den Tag und die Gunst der Stunde und reiste nach Ludwigsburg.
Ludwigsburg, der königliche Lustgarten Württembergs, war eine vertraute Stadt. Früher, während den Anfängen meiner Studienzeit um 1983, als unsere Kulturzeitschrift nomen konzipiert und ediert wurde, kam ich regelmäßig in die alte Residenz. Nicht zum eigenen Plaisir oder um dem mondänen Lustwandeln zu frönen, das seit der Säkularisation auch die bürgerlichen Schichten des Volkes erfasst hat, noch um das architektonische Erbe eines rücksichtslosen Autokraten zu bewundern, der seine Untertanen bis nach Amerika verkauft hatte. Damals lockte das schöne Ludwigsburg eher als Stätte der Literatur, als künstlerischer Ort, wo sich Gleichgesinnte trafen, Intellektuelle und kreative Köpfe aller Art, hauptsächlich aber Literaturschaffende, Schriftsteller, Dichter und Kritiker. Sie kamen aus ganz Südwestdeutschland und hatten sich zu einer losen literarischen Gruppierung zusammengefunden, die unter dem bescheidenen Namen „Literateam“ fast so bekannt wurde wie anno dazumal die Schwäbische Dichterschule um Uhland, Schwab, Kerner und Lenau, dem schwarz gefiederten Raben aus Ungarn.
Alle paar Wochen trafen wir in uns ungezwungen in einer Schenke in der Innenstadt. In Lesungen wurden eigene Kreationen dargeboten. Die Teilnehmer diskutierten gemeinsamen Editionen, Anthologien und anstehende Projekte. Wie in solchen Kreisen üblich, lamentierten, polemisierten und stritten sie untereinander - doch mehr über literarische als über gesellschaftliche Themen und ganz im Geist einer dialektischen Streitkultur, die auf Erkenntnisgewinn setzt, ohne dabei persönliche Animositäten und künstlerische Rivalitäten hervor zu kehren. Kurz, alle lebten und erlebten das literarische Kunstwerk im kommunikativen Miteinander und im Dialog. Da mich seinerzeit als literarischer Ressortleiter der Zeitschrift nomen überwiegend Fragen und Kriterien literaturwissenschaftlicher Wertung beschäftigten, wurde ich von den meisten aktiven Lyrikern und Prosaisten des Kreises als „Kritiker“ wahrgenommen. Herbert, den Freund fürs Leben, hatte ich in jenem Umfeld zum ersten Mal als eigenwilligen Gedankenlyriker erlebt - und seine siebzehnjährige Tochter Iris, heute eine zunehmend bekannter werdende Malerin, die damals gerade mit dem Dichten begann. Doch das war zwanzig Jahre her!
Inzwischen war viel Wasser den Neckar hinab geströmt, und die Welt hatte sich in einer Art verändert, wie ich es mir, als ich noch im Kerker saß, in hoffnungsvollsten Vorstellungen nie hätte ausmalen können. Aus Ludwigsburg, der beschaulichen Barockresidenz mit Nebengebäuden, war eine richtige Stadt geworden. Und wie alle richtigen Städte der Neuzeit wirkte sie im Alltag unmusisch und laut. Wo war die prunkvolle Schlossanlage? Irgendwo hinter profanen Zweckbauten verborgen. Es dauerte eine Weile, bis ich sie wieder gefunden hatte. Zielstrebig steuerte ich auf die Veranstaltungshalle zu, wo das große Ereignis stattfinden sollte. Eine Viertelstunde später fand ich mich dann in einem großen Saal wieder, inmitten von Menschen, deren Blick erwartungsvoll auf ein Podest gerichtet war, das weiter unten auf der breiten Bühne aufgebaut den Mittelpunkt markierte. Sie warteten … und ich wartete mir ihnen, doch nicht wie früher so oft auf die rettende Hand der Gottheit, auf den „Deus ex machina“, sondern auf eine Gestalt aus Fleisch und Blut, auf einen Heros der Neuzeit und auf einen Charakter, der meinen Glauben an das Humanum bestärkt und mein Hoffen auf Wunder intensiviert hatte.
Neben mir ein bekanntes Gesicht - Michael, ein befreundeter Ökologe aus Bad Mergentheim, der als Umweltaktivist über einen Naturschutzverband die Einladungen zu der anstehenden Ehrung erhalten hatte. Nur galt die Ehrung nicht ihm, noch dem Erzengel mit dem Flammenschwert. Geehrt werden sollte „hier und jetzt“ der wohl bekannteste Namensvetter der Neuzeit - der andere Michael, jene politische Persönlichkeit von Weltformat, die seit Jahren nicht nur die Deutschen in den Bann geschlagen hatte - Michael Gorbatschow!
Eigentlich stand er seit seinem etwas ruhmlosen Abgang nicht mehr ganz so oft im Rampenlicht. Jelzin, der spätere Präsident des wie Phönix neu aus der Asche der Geschichte emporgestiegenen Russland, hatte ihn gedemütigt und entthront, indem er ihm Russland aus der Sowjetunion entführte. Ein Kaiser ohne Imperium war Michael Gorbatschow, als er ruhmlos abtreten musste wie schon andere Cäsaren vor ihm. Und trotzdem! Im Bewusstsein der Menschen blieb er präsent - als welthistorische Größe, die die Rosenspur der Neunten ermöglicht hatte. Zumindest in meinem Bewusstsein war dies so. Ein Zufall? Während des Wartens versuchte ich zurückzudenken und Gorbatschow in die lange Reihe der Führungspersönlichkeiten einzureihen, die das Gesicht der Sowjetunion seit den Tagen der Oktoberrevolution bestimmt hatten. Lenin, Stalin … Gorbatschow! Wo stand er in der Hierarchie? Er, der erste unter den Namen, der mir beim Aussprechen keinen Schrecken einjagte?


Russische und sowjetische Staatschefs im 20. Jahrhundert.

Die „Matroschka“ - sowjetische Geschichte im Zeitraffer


Entzündet an einem Reisesouvenir aus Moskau, hatte ich mich gerade erst vor wenigen Tagen mit dieser überragenden Persönlichkeit der Zeitgeschichte beschäftigt und, ein naives Abbild in den Händen haltend, über Gorbatschows Rolle in der Geschichte nachgedacht. Während eines Mittagmahls bei guten Freunden in Wachbach war mir ein originelles Mitbringsel aus Russland aufgefallen, ein Volkskunstwerk aus dem neuen, vielfach veränderten Russland. Es war eine Matroschka, im Westen auch als Babuschka bekannt - ein enigmatisches Präsent, das eines ist und auch keines ist, weil es bei näherem Erkunden in immer kleinere Gestaltungen zerfällt wie die Ringe einer Zwiebel in der schälenden Hand. Ideen kommen auf und verfliegen mit jedem neuen Bild. Vielleicht, um auf diese heiter amüsante Weise eine philosophisch tiefsinnige Botschaft zu vermitteln als leiser Hinweis auf die Vergänglichkeit der Dinge, die da nur flüchtig sind, um zu verkümmern und bald im Nichts zu entschwinden, je mehr man sich Kern und Wesenheit nähert.
Nur verkörperte jene Babuschka in meinem Händen nicht wie gewöhnlich eine altrussische Puppenmatrone im Bauerngewand, sondern, die identitätsbestimmende Tradition krass parodierend, eine politische Variation. Auf jeder Hülle erschien das Konterfei eines Führers der einst „glorreichen Sowjetunion“, beginnend mit dem Revolutionär Lenin bis in die neueste Zeit mit Präsident Vladimir Putin als Endpunkt. Putin, der neue starke Mann Moskaus auch heute noch, von dem sogar zu befürchten ist, dass er das Rad der Geschichte noch einmal zurückdrehen könnte, als Winzling! War das kein Sakrileg? Oder verwies die frivole Parodie auf die neue Freiheit hinter den Kremlmauern?


Putin- der starke Mann in Russland.


Als ich das grell bemalte Riesenei aus leichtem Ahornholz zu entpacken begann und angestrengt mit etwas Geschick die naiv bemalten Weichholzschalen staunend auseinandernahm, fühlte ich mich in eine Zeitmaschine versetzt, die mich rasend schnell ein Jahrhundert zurückkatapultierte, hinein in die Zeit der Oktoberrevolution, wo der Winterpalast gestürmt und alle Romanows bald danach unmenschlich exekutiert worden waren; schon fühlte ich mich zurück- und hinein versetzt in das postzaristische Russland Lenins, Trotzkis und Stalins, wo einst eine für viele Millionen Osteuropäer verhängnisvolle Entwicklung ihren Anfang genommen hatte.
Indem es Lenin nach Russland lotste und den bolschewistischen Aufruhr mit substanziellen Geldmitteln stützte, hatte das Deutsche Reich als Geburtshelfer einer neuen Ära mitgewirkt. Unbeabsichtigt hatte es dabei mitgeholfen, die Weltanschauung des Kommunismus für viele Jahrzehnte zu instaurieren, kurz bevor es selbst an sozialistischem Streben und kommunistischen Umtrieben zerbrach. Es quietschte beim Drehen der Eierschalen aus Lindenholz. Und jeder Schauerton brachte neue Gesichter hervor - neue Physiognomien mit neuen Bildern und hundert Assoziationen.
Es war ein Ausflug in die „Geschichte der Sowjetunion“ im Zeitraffertempo, was sich mir darbot: rote Geschichte, blutrote und blutige Geschichte: Den Anfang als dickstes Ei machte „Lenin“, der Ahnherr und Begründer der Sowjetunion und ihr unbestrittenes ideologisches Haupt, Vorbild für Generationen bis zum Fall des Weltreiches in jüngster Zeit! Er bildete übergroß und mächtig die äußere Hülle des synthetischen Zwiebelrings. Sein Schädel hatte die Größe eines Straußeneis.


Lenin - geschrumpft ...
wie die Ideogie des Welt-Kommunismus.


In Wladimir Iljitschs hohlem Bauch folgte dann, immer noch gewaltig erhaben als Ei eines Aasgeiers, die eigentliche Ausgeburt der bolschewistischen Revolution: der Menschheitsverbrecher avant la lettre „Stalin“. Die Fratze des Stählernen ließ mich zurückschrecken - als Albtraum: „Väterchen Stalin“, bei dessen erlösendem Tod Millionen weinten, war ein zynischer Tyrann übelster Ausprägung, ein Diktator ohne Erbarmen, der unter den hundert Völkern der Sowjetunion noch schlimmer gewütet hatte als außerhalb der Staatsgrenzen im Krieg. Es war das schnauzbärtige Zerrbild des Bösen als Gesicht eines Diktators, der nur noch mit einem „Untermenschen der Menschheitsgeschichte“ verglichen werden kann, mit einem Wahldeutschen, dessen Name in den Ohren ganzer Völker so schrecklich klingt wie alles, was mit Stalinismus assoziiert wird, in den eigenen. Wer war der größere Verbrecher: Hitler oder Stalin? Eine Frage der Perspektive, auch aus historischer Sicht? Die gesamte Biografie dieses menschlichen Zerrbildes war eine Verbrechergeschichte - von Anfang an. Und der „Terror“, den er verbreitete, selbst im Kreis seiner engsten Angehörigen war schlimmer als die Angst vor dem Tod.


Stalin
Vaterländischer Held und Menschheitsverbrecher!?

Aus sicherer Distanz heraus setzte ich die Entblätterung fort. Dem Stählernen folgte die rein physisch imponierende Puppe eines Apparatschiks mit freundlichem Gesicht. Es war der immerhin schon weitaus liberalere Chruschtschow, der ungeachtet uneingeschränkter Parteiloyalität trotzdem den Mut aufbrachte, die vielfachen Verbrechen Stalins offen zu legen, eine Vergangenheitsbewältigung anzuregen und den Entstalinisierungsprozess einzuleiten. Chruschtschow, ein agrarischer Mensch, der dem Bauer und dem Rindvieh näher stand als orthodoxer Marxistendoktrin, hatte eingesehen, dass eine Weiterentwicklung der Sowjetunion nur nach Überwindung des stalinistischen Systems durch breite gesellschaftliche Reformen erreichbar ist. Ideologisch zwar weniger verbohrt als seine Vorgänger und nach wie vor schnöder Machtpolitiker des Kalten Krieges brachte er die Welt an den Rand eines alles vernichtenden Atomkriegs. Doch durch ihn wurde auch das „Phänomen Solschenizyn“ möglich - und mit dessen Wirken eine Welle der Aufklärung über die Welt des Kommunismus hinter dem Eisernen Vorhang, ein erster Anflug von Glasnost und Perestroika. Ahnten meine Gastgeber, was in meinem Kopf vorging, im Schädel eines Entsprungenen? Wohl kaum! Wer die Heilslehre des Kommunismus nicht auf eigener Haut erlebt hat, der kann auch nicht wissen, was der Kommunismus wirklich war. Sowjetischer Imperialismus und osteuropäische Geschichte sind für viele Menschen des Westens unbekannte, siebenfach versiegelte Themen.

Chruschtschow - Njet oder Da?

Das bemalte Lindenholz wurde leichter.
Die nächste Enthüllung förderte Leonid Breschnew an das Licht der Welt, einen behäbigen Partei- und Staatschef, der als kühler Machtzyniker alten Schlages in die Geschichte einging. Er stand für den Status quo im Ostblock, für das lodernde Prag und für einen auf Ewigkeiten zementierten Weltkommunismus. Stets hatte ich in ihm nur ein lebendes Fossil gesehen, eine Mumie, deren mentale Trägheit und Unbeweglichkeit für die Kontinuität der Unterdrückung im gesamten Ostblock verantwortlich war. Er war der gnadenlose Puppenspieler, der die Marionetten tanzen ließ, Ceauşescu und Honecker, Gierek, Husak, Kadar und Schivkov - alle nach seiner Façon! Panzer und brennende Märtyrer - das war sein Vermächtnis!


Leonid Breschnew

An meinen Augen huschten noch einige Schreckensgesichter vorbei, Führer der Sowjetunion, doch Figuren des Übergangs wie der einstige KGB-Chef Andropow und der Parteisoldat Tschernenko. Ihre Namen waren so blass wie ihre Taten. Kaum einer erinnert sich noch ihrer flüchtigen Erscheinung.
Tschernenko

Erst spät in der Zeitordnung immer deutlicher zusammenschrumpfender Puppenfiguren erschien als Kulminationspunkt dieses Ritus der Enthüllungen der Mann mit dem Stigma am Haupt, der Gezeichnete, an dem mein Blick viel länger haften blieb. Der Auserwählte? Es war die einzige Ikone mit humanem Antlitz: „Michael Gorbatschow“.


Michael Gorbatschow und die Tradition

Nur war er in jener Puppen-Ordnung bereits winzig ausgefallen, verschwindend klein, zum Taubenei reduziert, zum Friedenstauben-Ei und kaum noch zu unterscheiden von den ihm nachfolgenden Jelzin und Putin.
Was hatten die von seiner wahren Größe?
Nichts!
Boris Jelzin


Boris Jelzin, der Restaurator Russlands, der alten Macht als Reich der politischen und wirtschaftlichen Ohnmacht, schien als schmächtiger Schrumpfkopf durchaus seinem „historischen Wert“ zu entsprechen. Wenn ich an ihn dachte, sah ich das Bild einer angeheiterten, sinnenfreudigen Barockgestalt, die unter den Augen eines lachenden Bill Clinton dionysisch enthemmt auftanzt und nach dem Ewig Weiblichen greift, statt nach den Sternen.
Doch ich erinnerte mich auch des überzeugten Halbdemokraten, der irgendwann einmal auch wahre Größe gezeigt hatte, in einer glücklichen Stunde der Geschichte, als er mutig antrat und vom Panzer aus von idealistischen Antrieben bestimmt zum Widerstand gegen totalitäre Restaurationsbestrebungen aufrief, während sein Ziehsohn Putin, der unbemerkt die Stalin-Statuen ausgraben und aufs Podest stellen ließ, mir künftige Rätsel aufgab. Als „Mann des alten Systems“ und der KGB-Ordnung stützte er mit Geld und Macht den Stall, aus dem er kam, den Geheimdienst, das mächtige Militär dahinter, die eigenen Familien und ein Heer von neuen Oligarchen, während die große arme Menge applaudieren durfte wie eh und je.
Alle Ikonen russischer Neuzeit standen bald vor mir in Reih und Glied auf dem weißen Tischtuch als makabre „Geschichte der Sowjetunion“ von Alpha bis Omega. Doch mich faszinierte nur eine Puppe: die mit dem Zeichen!
War er der Auserwählte? Der von Gott Gesandte, der Retter? Michael – nomen est omen, auch in diesem Fall? Lange betrachtete ich die Gestalt in der merkwürdigen Ordnung, die die Werte verschob. Eine Ironie der Geschichte?
Gorbatschow als Endpunkt? Oder stand er für einen neuen Anfang, für ein demokratisches Russland und für ein Entlassen der Völker in die Souveränität und Freiheit? Manche, die den Untergang der großen Sowjetunion bedauerten, waren anderer Meinung.


Ein Gezeichneter - Gorbatschow.


Wer zu „Späth“ kommt, den bestraft kein Leben!


Jetzt, im Saal, in der Erwartung der historischen Ausnahmepersönlichkeit, waren die Reflexionen wieder präsent. Etwas unruhig sah mich um. Der Einklang freudiger Erwartung bestimmte die Menschen im Saal. Viele der Anwesenden hatten die gerade erst abgelaufenen Entwicklungen noch nicht vergessen. Die Emotionen waren noch wach und drängten sich wieder auf. Der Fall der Mauer – das Ende des Reiches des Bösen. Sie alle hatten die Abläufe der Wiedervereinigung erlebt, auf ihre Weise, mit deutschen Augen und mit deutschem Herzen erfühlt. Und weil es Deutsche waren, interpretierten sie auch den Lauf der Geschichte, die ihnen die nationale Einheit wieder schenkte, nicht nur rational, vielmehr aus dem Gefühl heraus. Plötzlich wurde es still im Festsaal.
Unten, vor den Augen der Menge, betrat Michail Gorbatschow die Bühne. Frei und souverän als große Gestalt der modernsten Weltgeschichte.
Nach Hegel und Nietzsche bestimmten die großen historischen Individuen den Lauf der Weltgeschichte - die Cesare Borgias der Neuzeit, die Napoleons … War Michael Gorbatschow einer von ihnen? Oder entsprach er doch eher dem Typus des großen Humanisten nach dem Renaissancemenschen, der aus tieferen ideellen Beweggründen wirkt und schafft?
Freundlich in die Menge lächelnd und gewandt schritt er über die Bühne zum Podest hin, wo er nach erfolgter Laudatio auch zu den Menschen sprechen sollte. Doch wer würdigte seine Verdienste hier und heute? Späth, Lothar Späth? Einer, der diesmal nicht zu spät kam und dafür auch nicht vom Leben bestraft wurde? Fast hätte ich ihn vergessen, denn neben Gorbatschow wirkte der oft gut gelaunte und witzige Ministerpräsident der Badener und Schwaben außer Dienst, den ich sonst sehr schätzte, so nebensächlich und fast trivial!
Gorbatschow bestach und war so bescheiden und menschlich wie immer. Einige seiner tieferen Züge, die auf ihre Weise mein Schreckensbild des Russen korrigierten, hatten mich immer schon berührt. Sie hatte ihn mir, den seinerzeit mächtigsten Mann des kommunistischen Weltreiches, in unbestimmter Erinnerung an den eigenen Vater, intuitiv sympathisch erscheinen lassen, von Anfang an, bereits zu einem Zeitpunkt, als andere in ihm noch den „cleveren“ Public Relations-Künstler sahen, ihn gar in die Nähe des NS-Demagogen Joseph Goebbels rückten.
Mit dem Herzen sehen, ihn über die eigene Wesenheit zu erfassen, das schien mir bei Michael Gorbatschow der wahre Weg zu sein. Gorbatschow war mir einst im Traum erschienen, gleich nach seinem Antritt als Lenker des Sowjetreiches, wohl als Projektion eigener Erwartungen - als herbeigewünschter messianischer Hoffnungsträger, als positive Rettergestalt, als weißer Ritter, voller Zuversicht, in fernster Erinnerung an den triumphierenden Erzengel Michael, der sich über die Bestie erhebt, zu dem ich oft als junger Ministrant in der Dorfkirche hochgesehen hatte, wenn ich frühmorgens auf Knien die Litanei absolvierte. Das Humane seines Wesens erwuchs aus dem Gesicht, dessen milder, Vertrauen schaffender Ausdruck die künftigen politischen Handlungen schon vorwegzunehmen schien. Und jetzt stand dieser Hoffnungsträger, an dem zeitweise das Schicksal Europas, ja selbst der Welt hing, als später Triumphator vor uns.
Michael, mein Begleiter neben mir, strahlte - auch ich war tief erregt. Die Macht des Augenblicks nahm alle ein. Manch ein Anwesender aus Ludwigsburg und der Region um Stuttgart hätte das Idol gerne umarmt, nicht nur Frauen, und ihm, dem Russen, die Hände geschüttelt. Die alte Völkerfeindschaft zweier Weltkriege schien für alle Zeiten vergessen und aufgelöst. Es war wie eine freie „Unio mystica“ der Masse mit einer Idee - ein Zusammenfall der Gegensätze, eine „Coincidentia Oppositorum“ lange getrennter Welten. Enthusiasmus lag in der Luft - unmittelbare Begeisterung.


Vom Zar zu Putin.

Sprache der Herzen


Die Menge applaudierte, als er seine Appelle vortrug und zu den Menschen sprach, spontan und natürlich - aus dem Herzen. Sein Ruhm war ihm vorausgeeilt wie seine Taten, die diesen begründeten. Es war ein cäsarisches Auftreten im freundschaftlichen Forum. Michael Gorbatschow hatte schon gesiegt und gewonnen, bevor er gekommen war. Jetzt ging es nur noch um das Ernten der reifen Früchte, um den späten Lorbeer, der ihm hier - wie überall im wiedervereinten Deutschland - zufiel, während ihm der Dank der Heimat versagt blieb.
Hier im liberalen Südwesten war er wirklich willkommen. Seine entspannte und erfüllte Mimik verriet es, dass er dies auch fühlte. Hier, in Deutschland, war er zwar nicht daheim, doch zumindest in einer Wahlheimat und unter Menschen, die ihm zugetan waren. Wieder warf ich meinem Begleiter Michael einen nach Bestätigung der eigenen Gefühle zielenden Blick zu, ohne dabei weiter an die Namenskoinzidenz zu denken oder an die mythische Rettergestalt der Bibel. Michaels gütiges Gesicht strahlte vor heller Begeisterung, ohne sich im Ausdruck von anderen entzückten Gesichtern abzuheben; ob jung oder alt - die unmittelbare Freude war greifbar. Es war ein kurzes Aufleuchten der Humanität in einer immer noch schwer verfahrenen, wenn auch schon besser gewordenen Welt. Eine natürliche Begeisterung erfüllte den Saal, in dem eigentlich nichts ablief, in dem sich nichts ereignete als ein „Akt des Bestaunens“ und des „Staunens über den Gang der Geschichte“, deren Fortgang nicht nur von Ideen bewegt wird, sondern auch vom Gefühl für das Richtige zum richtigen Zeitpunkt aus dem Geist des Humanum.
Die ganze Gestimmtheit des Raumes wurde nur von einer Person getragen, von einer weltgeschichtlichen Größe, die mit der gleichen Natürlichkeit in die deutsche Provinzstadt gekommen war, wie sie den heimatlichen Kaukasus bereiste. Gorbatschow, ein Ausstrahlungsphänomen an sich, wirkte durch die bloße Präsenz. Ein Nimbus war da, der nicht gesehen, doch gefühlt wurde. Die Herzlichkeit der Menschen verwies darauf.
Vielleicht hätte Hegel beim Anblick der Menschen in diesen Hallen das Walten des Weltgeistes vermutet und Kant den Wink von den Sternen auf den ewigen Frieden. Für Augenblicke schienen sich göttlicher Weltwille und Individualwille zu durchströmen zu einem harmonischen Ganzen, aus welchem das Böse gebannt war. Eine Illusion? Die Menschen hielten den Atem an - überall gelöste Spannung. Etwas vom Hauch der großen Geschichte durchwehte den Saal und erfüllte für kurze Zeit die ehemalige Residenzstadt, die schon manche gekrönte Häupter gesehen hatte, selbst Tyrannen und heimische Sklavenhändler.
Als der Ritus der Ehrung vollzogen war, löste sich die allgegenwärtige Spannung in stürmischen Ovationen - wie nach einer großen Operngala. Die Menschen klatschten rauschenden Beifall und tobten teilweise vor Verzückung - und dies lange Jahre nach Gorbatschows relativ glanzlosem Abtritt. Sie würdigten damit auf ihre Weise die Tat einer Persönlichkeit, die der Weltgeschichte einen neuen Lauf gegeben hatte. Immer noch beeindruckt und gebannt von der besonderen Stimmung im Saal überflog ich die Menge und musterte intuitiv die aufgehellten Gesichter - es waren überwiegend schwäbische, deutsche Gesichter. Und was ich erkennen konnte, das war Dankbarkeit; reinste, innigste Dankbarkeit.
Die Menschen um mich herum, junge und alte Leute, bunt gemischt, mit Videokameras und Fotoapparaten ausgestattet, beeilten sich, den „Nachklang der Weltgeschichte“ für immer einzufangen, das hautnahe Erleben eines besonderen Menschen, der das Gesicht der Welt zum Positiven hin nachhaltig verändert hatte. Sie blickten auf einen leicht gerührten, immer noch sehr menschlichen, ehemaligen Staatschef der Sowjetunion, auf einen Charakter aus einer Welt, die Präsident Reagan als das Reich des Bösen bezeichnet hatte.
Und sie sahen Bilder: Vielleicht sahen sie vor ihrem geistigen Auge, wie der Stacheldraht durchschnitten wurde, wie Grenzen durchlässig wurden - und sie erlebten vielleicht in innerer Sicht, wie Steine wankten und wie die Mauer fiel; und sie fühlten, wie die große Freiheit, getragen von beethovenscher Musik, sich ihren Weg bahnt: „Freiheit schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium“ … Friedrich Schiller, der Sohn aus dem kleinen Marbach am Neckar gleich um die Ecke, hatte in Worten verdichtet, was Beethoven inspirierte, lange nachdem Schiller der unfreien Karlsschule entflohen war. Dieser humanistische Geist großer Individuen wirkte hier - Gut und Böse in Versöhnung erlösend.
Weltgeschichtliche Ereignisse wurden für Sekunden zurückgeholt und erfüllten die Herzen der Menschen. Viele waren gerührt - auch ich, ein Abgebrühter, dessen Tränensäcke fast schon ausgetrocknet waren. Schließlich gehörte ich mit zu jenen, deren Ideal sich erfüllt hatte, zu jenen, die die Freiheit schauen durften, auch das Gelobte Land, das andere Eden, die es betreten und genießen durften über die allseits präsente Freiheit. Das war eine späte Satisfaktion der Geschichte - eine Genugtuung der menschlichen Existenz: das Realität gewordene Humanum.
Der ehemalige Staats- und Parteichef der bereits aufgelösten und in viele Einzelstaaten zerfallenen Sowjetunion Michael Gorbatschow war als Haupt seiner Stiftung nach Ludwigsburg gekommen, um für diese einen Preis, eine Ehrung, entgegen zu nehmen. Er kam für das „Grüne Kreuz“, das er als ökologische Initiative alternativ zum „Roten Kreuz“ begründet hatte, um den Menschen zu signalisieren, dass unsere gesamte Welt noch viel mehr Mitverantwortung für unsere lebenswichtige Natur und Umwelt nötig hat. Diese Initiative sah er ganz in der Tradition der gesamtpolitischen Verantwortung für die Welt, die ihm einst als Staatsmann wichtig war; und die ihn bewogen hatte, so zu handeln, wie er handelte, indem er für die Sache der Freiheit eintrat und sie in seinem Einflussbereich ermöglichte. Das Grüne Kreuz, dessen Symbolik bei mir so manche Assoziationen wachrief, fand den höflichen Beifall der schon lange ökologisch sensibilisierten Menschen - doch ihre eigentliche Begeisterung galt dem großen Staatsmann, der als Apologet und Vollender politischer Freiheit in die Weltgeschichte eingehen wird.

Die Zeit der Chamäleons ist angebrochen - aus frommen Kommunisten wurden orthodoxe Kapitalisten.

P.S. Die oben beschriebene "Matroschka" war nicht mehr aufzufinden - inzwischen gehen die Uhren anders in Russland - doch die Russen haben ihren Humor bewahrt.

Fotos: Monika Nickel
 
 
Mehr zum Thema Kommunismus hier:

Carl Gibsons neues Buch

zur kommunistischen Diktatur in Rumänien -

über individuellen Widerstand in einem totalitären System.




Allein in der Revolte -

im Februar 2013 erschienen.

Das Oeuvre ist nunmehr komplett.
Alle Rechte für das Gesamtwerk liegen bei Carl Gibson.

Eine Neuauflage des Gesamtwerks wird angestrebt.


Carl Gibson

Buchrückseite




Fotos von Carl Gibson: Monika Nickel

©Carl Gibson. Alle Rechte vorbehalten.





©Carl Gibson. Alle Rechte vorbehalten

Dienstag, 28. Februar 2012

Joachim Gauck, der bessere Präsident? Kritische Fragen zur Symbolik und Machtpolitik in Berlin, von Carl Gibson

Joachim Gauck, der bessere Präsident?

Kritische Fragen zur Symbolik und Machtpolitik in Berlin


Anmerkungen und Überlegungen zur Kandidatur von Joachim Gauck - aus der Sicht eines ehemaligen antikommunistischen Bürgerrechtlers (Carl Gibson).

Reist Joachim Gauck mit einem "Dissidentenbonus"?
Schmückt er sich gar mit "mit fremden Federn"?

Und fährt Gauck die Ernte ein, die antikommunistische Widerständler und Oppositionelle in der ehemaligen DDR im aktiven Kampf gegen SED und Stasi auf den Weg brachten?




Ungewollte Symbolik vor Schloss Bellevue in Berlin.


Der Konsens der Mainstream-Medien überrascht.
Kaum ein kritisches Wort, keine Nachfrage - totale Harmonie?

Nach der Negativ-Kampagne gegen Christian Wulff ist auf einmal totale Positivität angesagt.
DER SPIEGEL, DIE ZEIT und andere singen im großen Chor das Eiapopeia vom Himmel der Ja- und Amen-Sager - , so als wollte man die erfolgte Zurücksetzung Gaucks als angehender Bundespräsidentschaftskandidat wieder gutmachen.

Das war nicht immer so - machmal blieb die Wahrheit auf der Strecke, gerade weil Zeitzeugen und Bürgerrechtlern ein Maulkorb verpasst wurde - gerade von den Medien!
Zensur in Deutschland? In der Tat

Die Wahrheiten der Dissidenten waren zu unbequem - man wollte sie nicht hören, einfach deshalb, weil man schon eigene Wahrheiten hatte,weil man sich schon für eine Seite entschieden hatte und für das Geschäft dahinter.

Als Kommunismus-Aufklärer Joachim Gauck, aufgestellt von der SPD,  zum erstem Mal für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte, wurden mir Informationen zugesteckt, auch er hätte keine "weiße Weste", auch er hätte seinerzeit in der DDR mit dem kommunistischen System kollaboriert.

Die Hinweise hatten die Qualität substanzloser Behauptungen, die zersetzend wirken sollten -
und sie kamen höchst wahrscheinlich aus den Reihen ehemaliger IMs der Staatssicherheit der DDR.

Diskreditierung, Zersetzung, Verleumdung - das sind vielfach erprobte Mittel totalitärer Geheimdienste, den guten Ruf und das Image einer moralisch integren Persönlichkeit zu beschädigen, ja zu zerstören.

Wenn die Gerüchteküche kocht,
wenn die Journaille schnüffelt,
dann kommt immer etwas zum Vorschein, was den besten Kandidaten für ein hohes Amt belastet,
 ihn ins Zwielicht oder in Verruf bringt, noch bevor die Gegenprobe erbracht werden kann.

Auch ein Hexenjäger und Großinquisitor kann zur Zielscheibe werden, wenn die Inquisition es so will.



Sie wollten in Freiheit leben und mussten sterben - Opferkreuze an der Spree hinter dem Reichtagsgebäude.


Joachim Gaucks deklarierte wie geheime Gegner und Feinde sitzen im Lager DIE LINKE,
dem Sammelbecken für ehemalige SED und Stasi-Kader und deren Sympathisanten.

Das weiß man - und das wusste auch Machtpolitikerin Angela Merkel, die wohl aus solchen und anderen Gründen gegen Gauck als Bundespräsident war und nur zähneknirschend - quasi mit der Pistole auf der Brust - der Kandidatur zustimmte.

Ein "ehemaliger Bürgerrechtler" an der Spitze der deutschen Nation?
Das klingt gut!
Das klingt nach Neuanfang, zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung!

Schloss Bellevue in Berlin, der Amtssitz des Bundespräsidenten.

Bürgerrechtler - das sind Leute ohne Fehl und Tadel,
Idealisten, Altruisten,
Menschen, die aus dem Volk kommen, für eine Sache eintreten,
für Gerechtigkeit und Freiheit,
für Prinzipien überhaupt,
moralisch hoch stehende Personen ohne Eigeninteressen,
die dann auch nach getaner Arbeit wieder im Volk verschwinden,
ohne höherenEhrungen zu erwarten.

War Joachim Gauck einer dieser Bürgerrechtler,

einer jener Aufrechten aus der anonymen Maasse des Volkes,
einer, der früh sein Haupt erhob,
sein Wort offen kundtat
und seine Haut riskierte?

Einer, der für seine Überzeugungen eintrat, als es noch gefährlich war,
einer, der echten Widerstand leistete und gar ins Gefängnis ging?

Nach der Schlacht und dem gewonnen Krieg treten immer wieder Helden auf,
aus dem Untergrund,
Namen, von denen man vorher kaum etwas vernommen hatte,
manche infiltierte Gesellen und  geschickte "Wendehälse",
die die Fronten wechseln und die Farben.

Einige Oppositionelle aus der ehemaligen DDR stehen nun auf und sagen:
Nein!

Sie meinen, Gauck war nicht an vorderster Front,
er sei kein Vorzeige-Bürgerrechtler,
er sei erst sehr spät auf den fahrenden Zug des Widerstands aufgesprungen!













Was spricht daraus - der Neid der Übergangenen, der vergessenen Zeitzeugen?

Aus dem antikommunisteischen Widerstand der Ceausescu-Dikatur kommend,
fragte ich mich das mehrfach, obwohl ich mich - engagiert in die Abwahl von Christian Wulff - vielfach für Gauck als den besseren Kandidaten einsetzt hatte.

Joachim Gauck ist der Wunsch-Kandidat der Deutschen,
einer Mehrheit,
die es nicht ganz genau wissen will,
obwohl er kein Vorzeige-Bürgerrechtler ist.
Gauck hat andere Meriten - über die Macht des Wortes und der Aufklärung hinaus.

Er symbolisiert eine Idee - und er wird wahrgenommen.


 Das Kanzleramt in Berlin -


in einem Hinterzimmer formten Angela Merkel als Kanzlerin und ihr Vize Guido Westerwelle ihren Kandidaten für das hohe Amt auf Schloss Bellevue und setzten in ihn Bundestag mit eigener Mehrheit durch.
Der neokonservative Antikommunist Joachim Gauck hatte als Kandidat der SPD das Nachsehen.

Ehre, wem Ehre gebührt!



Blicken wir nach Polen.

Die Polen nahmen ihren in der Solidarnosc-Opposition populär gewordenen Arbeiterführer Lech Walesa und machten ihn zu ihrem Präsidenten,
obwohl er kein Intellektueller avant la lettre war,
sondern eher ein bauenschlauer, geistig moderater Mann aus dem Volk.

Lech Walesa hatte in schwerer Zeit und in den Tagen des Kriegsrechts in Polen das Volk in seinem Kampf gegen den Kommunismus repräsentiert.
Das genügte, um ihn zum ersten Mann in Staat zu machen.

Lech Walesa wirkte über die Grenzen Polens hinaus über Jahre als Symbolfigur,
als moralisch integrer Katholik und Antikommunist,
als würdiger repräsentant Polens.

Blicken wir nach Tschechien.

Die Tschechen hoben Vaclav Havel  ins höchste Amt im Staat,
einen antkommunstischen Bürgerrechtler der ersten Stunde im Ostblock,
der den Tschechen die Würde als Nation wieder gab,
einen überaus Geachteten,
vor dem sich  fast die gesamte Welt verneigte, als er kürzlich aus dem Leben schied.

Hat Joachim Gauck dieses Format?

Darf man ihn überhaupt an Walesa und Havel messen?

Bestimmt nicht!


Wie Christian Wulff nicht die Vita des Joachim Gauck hatte,
nur die konventionelle Biographie eines Berufspolitikers,
so hat Joachim Gauck nicht den Lebenslauf der aktiven Oppositionellen Lech Walesa und Vaclav Havel.

Jetzt tauchen einige ehemalige Bürgerrechtler aus der DDR auf und halten Gauck vor,
kein echter Bürgerrechtler gewesen zu sein,

eher ein Spätentwickler.


Der Wendehals-Vorwurf schwingt still mit.

Das Brandenburger Tor - lange Symbol der Deutschen Teilung.


Schmückt Joachim Gauck sich mit fremden Federn,
mit Meriten, die ihm nicht zustehen?
Reist Gauck mit einem Dissidenten-Bonus durchs Land und erntet er triumphierend die Früchte des Widerstands, die Ehre,
die echten Helden zusteht?

Der Fall Joachim Gauck als ehemaliger Bürgerechtler der DDR gleicht dem Fall Herta Müller, Nobelpreisträgerin für Literatur im Jahr 2009 - 
beide wurden als Oppositionelle und Dissidenten in der BRD "wahrgenommen",
obwohl sie eigentlich wenig oder garnichts mit tatsächlichem Widerstand zu tun hatten.

Die echten aktiven Widerständler gegen die Kommunisten landeten allesamt im Gefängnis.
Walesa ebenso wie Havel.

Dort waren weder Herta Müller während der Zeit Ceausescus, noch Joachim Gauck, dessen antikommunistische Opposition erst einsetzte, als die Titanic des SED-Kommunismus bereits den Eisberg gerammt und Schlagseite hatte.
Als ehemaliger Bürgerrechtler und politischer Häftling muss ich das erneut erwähnen,
nachdem ich zur Materie bereits hunderte Kommentare abgegeben habe.

Gauck war nicht im Gefängnis.

Andere DDR-Pastoren aus dem christlichen Widerstand gegen das SED-Regime und gegen die kommunistische Diktatur waren es auch nicht.

Doch haben sie deshalb mit dem System kollaboriert?
Ließ man sie gewähren?


Herta Müllers etwa ließ sich von Kommunisten fördern -
das ist längst vergessen oder wurde nie zur Kenntnis genommen,
auch deshalb, weil die deutsche Presse dieses Detail nie verfolgt hat und die Minderheitenmeinung abwürgt wurdee,
etwa meine differenzierten Darstellungen in DIE ZEIT Online oder in der FAZ Online.


Nun stellt sich die gewichtige Frage, ob man in die Persepektive der Insider schlüpft und die Detailfragen der aktiven Bürgerrechtler aufgreift, auch in der Presse,
oder ob man sich mit dem begnügt, was der honorige Bürger Joachim Gauck darstellt.

Gauck ist eine politisch kontroversierte Gestalt, und  er wird es auch bleiben, auch wenn er gemessen an Christian Wulff, der bessere Präsident sein könnte.

Doch nach bisherigen Erkenntnissen hat Gauck - im Gegensatz etwa zu Herta Müller - nicht mit dem totalitären kommunistischen System paktiert.

Die Stasi IMs vergaßen bisher, konkrete Beweis vorzulegen bzw. ihre Unterstellungen zu faktisch untermauern.

Die Deutschen nehmen nun den besten Mann, den sie zur Stunde kriegen können und machen ihn zu ihrem moralischen Aushängeschild -

wie einst Theodor Heuss, der als NS-Unbelasteter einen Neuanfang Westdeutschlands markierte
oder Gustav Heinemann, der aus dem antinationalsozialistischen Widerstand kam.


Bundespräsident ohne Tadel - Theodor Heuss.
Er war nicht in der NSDAP.
Doch auch ihm machte man den Vorwurf, dem "Ermächtigungsgesetz" zugestimmt zu haben.
(Standbild in Brackenheim)


Eben weil man es nicht so genau wissen will, ist Joachim Gauck der Wunschkandidat der meisten Deutschen,
die nicht wissen wollen, was Fakt ist, sondern erstreben, was sein soll.
Mehr Schein als Sein?
Das ist die Frage!

Man will in Deitschland endlich ein Symbol, zu dem man wieder stolz hochblicken kann!
(Wulff erregte in den beiden letzten Monaten vor dem Rücktritt bestenfalls noch Mitleid.)

Die regulative Idee, die Wunschvorstellung - das Symbol, das ist gerade Joachim Gauck ...
in Absetzung von Christian Wulff, der seine moralische Integrität selbstverschuldet eingebüst hat.

Die Kandidatin aus dem kommunistischen Sammelbecken DIE LINKE - Frau Klarsfeld:
Eine Farce!

Das ist die Frau, die den deutschen Bundeskanzler Kiesinger öffentlich ohrfeigte!
Sie - Präsidentin der Bundesrepublik Deutschland?
Unvorstellbar!
Der Gestus ist unverzeichlich, ungeachtet der Intention einer Anklage - schließlich heiligt der Zweck nicht alle Mittel!

Mit solchen Leuten arbeiteten die Stasi der DDR und die SED an der Destabilisierung der Bundesrepublik Deutschland: Marionetten, willige Instrumente der Kommunisten - und nun präsentiert sich Klarsfeld als "Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten?
Ein Hohn!
Die Nominierung: Ein klassisches Eigentor, dass sich DIE LINKE da selbst schießt - ein Bärendienst an der Sache.
Die Fratze des Kommunismus wird wieder deutlich sichtbar - u. a. als Pseudo-Widerstand. Das Ressentiment spricht eine klare Sprache.
Soviel politische Dummheit hätte ich dem sonst schlauen und gerissenen Gregor Gysi und Co. nicht zugetraut.


Die Fratze des ressentimentbestimmten  Kommunismus alter Couleur hat sich wieder gezeigt, hasserfüllt und boshaft.

Hier verlief der Todesstreifen  - die innerdeutsche Grenze.



Möge Joachim Gauck seinen Weg als Bundespräsident gehen,
auch wenn sich einige aufrechte Bürgerrechtler,die jede Heuchelei ablehnen, übergangen fühlen.



Die Mehrheit des Volkes will die Idealvorstellung, das prägnante Symbol mit Identifikationskraft.


Das leistet Gauck - und noch viel mehr.


Er steht für Freiheit, Gerechtigkeit und Versöhnung nach innen -

und er wertet den Osten Deutschlands mit seinen über Jahrzehnte in kommunistischer Unfreiheit geschundenen Menschen enorm auf.





Die Mauer - heute ein Kunstwerk?


An der Bernauer Straße, wo Gauck heute zu spazieren pflegt, steht noch mehr davon.
Die Jugend, das mahnt Gauck berechtigt an, hat die jüngste Deutsche Geschichte längst aus dem Blick verloren. Einige glauben gar, die Amerikaner hätten die Berliner Mauer gebaut und den Grenzzaun quer durch Deutschland errichtet.



Bild in der U-Bahnstation erinnert an die Tage des Kommunismus kurz vor dem Fall.


 Im Kalten Krieg -

US- Präsident J. F. Kennedy, mit dem regierenden Bürgermeister von Berlin Willy Brandt und Kanzler Konrad Adenauer in West-Berlin. ( Bild: U-Bahn-Station Brandenburger Tor.).

9. März 2012:

Die Kritik an Joachim Gauck aus dem Lager ehemaliger Brügerrechtler der DDR hält an ( Siehe die Links oben) -
dazu schrieb ich auf Facebook:


"Soll jener "Bürgerrechtler", der im Kampf gegen die Kommunisten der DDR am meisten gelitten hat, nun Bundespräsident Deutschlands werden? Wenn ja, dann wäre Gauck nicht der erste auf der Kandidaten-Liste!
Doch die Politik setzt andere Kriterien an - Bekanntheitsgrad, breite Akzeptanz, Image, Mythos - erst dann folgen "moralische Integrität", Fakten etc.
- Seit 1945 leben wir in einer "Zeit der Wendehälse" und der „Chamäleons“, hier und dort. Wer sich am besten verkauft, der macht das Rennen.
Diejenigen Politischen aus Bautzen haben sicher mehr gelitten als der Pastor aus Rostock - doch geehrt werden sie dafür noch lange nicht. Joachim Gauck muss als Integrationsfigur gesehen werden, nicht als „antikommunistischer Dissident“ avant la lettre, denn das war er nicht.
Mehr zum Thema „Freiheit und Bürgerrechte in Osteuropa“ in meinem Werk: „Symphonie der Freiheit. Widerstand gegen die Ceausescu-Diktatur“, 2008, geschrieben aus der Perspektive eines oppositionellen Zeitzeugen in der wohl repressivsten Diktatur im Osten Europas. "


Fazit:

Nachdem Herta Müller den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte, gab sie zu, keine Dissidentin gewesen zu sein. Den noblen Preis konnte man ihr nicht mehr nehmen, obwohl dieser ohne den "Dissidenten-Bonus" wohl nie zustande gekommen wäre.
Herta Müller wurde von den Medien zur Dissidentin stilisiert und sie wurde als Dissidentin wahrgenommen, während der Aufschrei der echten Opfer der Ceausescu-Diktatur überhört oder in Maistream-Medien einfach abgewürgt wurde.

Ein bitterer Beigeschmack blieb und bleibt zurück, gerade weil eine Haltung triumphierte und geehrt wurde, die moralisch nicht einwandfrei war.

Joachim Gauck sollte noch vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten eine Klarstellung vornehmen und eindeutig anerkennen, kein aktiver Bürgerrechtler gewesen zu sein.

Ferner sollten die Medien ihn nicht länger primär als "Bürgerrechtler" in Szene setzen.

Ein Symbol, das nicht auf der vollen Wahrheit basiert, steht auf tönernen Füßen.
Seine Signalwirkung wird sich in das Gegenteil verkehren, wenn moralische und politische Autorität permanent untergraben werden.

Deshalb sollte Joachim Gauck Klartext reden und alle Missverständnisse aus der Welt räumen.



Fotos: Carl Gibson


Mehr zum Thema Kommunismus hier:
Allein in der Revolte -



Carl Gibsons neues Buch

zur kommunistischen Diktatur in Rumänien -

über individuellen Widerstand in einem totalitären System.



Allein in der Revolte -

im Februar 2013 erschienen.

Das Oeuvre ist nunmehr komplett.
Alle Rechte für das Gesamtwerk liegen bei Carl Gibson.

Eine Neuauflage des Gesamtwerks wird angestrebt.
Carl Gibson





Allein in der Revolte, Buchrückseite





Fotos von Carl Gibson: Monika Nickel

©Carl Gibson. Alle Rechte vorbehalten.




Dienstag, 14. Februar 2012

Deutschland, dein Wintermärchen!


Schwan - gegen den Strom schwimmend.




Am Fluss im Kochertal



Wildente im Schnee




Das gestaute Wasser des Kocher:
vereist!



Schwan im winterlichen Kocher



Die Ohrn - das Wasser bahnt sich den Weg
unter der Eisfläche
und darüber.


Ein Schwan reinigt das dichte Federkleid






Wasser und Eis


Schwan auf der Eisfläche mühsam unterwegs






Eisformationen im Fluss


Schwan in Bewegung -
wie gleicht er dem Albatros des Charles Baudelaire:
ungelenkig im fremden Element,
auf Eis,
und graziös, virtuos, in voller Entfaltung
in seinem eigentlichen Element,
im Wasser. 






Eisstruktur im Fluss


Zurück ins kalte Nass



Eiszapfen




Eis im Wald



Wildenten am Fluss



Der Sturzbach - starr in Eisesklammern


Der Wasserlauf des Kocher wird schmaler


Am Fluss



Leben am Fluss


Vereister Kocher bei Forchtenberg - ein Tummelplatz für Schlittschuhläufer.


Unbeindruckt von Eis und Schnee - weiße Schwäne und Wildenten




Ein Wagnis






Ein Schwan auf der Eisfläche









Majestätisch über die Wogen gleitend - der Königsvogel Schwan





Ein Schwan in Pose







Der aufrechte Gang


Ruhe



Königlich





Im Fluss




Treu im Duett




Spuren im Schnee



Schwan am gefrorenen Ufer




Stauwehr im Winter


Im Winterwald


Der Wildbach in anderer Form



Leben trotz klirrender Kälte


Ufereis



Eis, nicht in Kanada oder Sibirien, in Hohenlohe.




Am Kocher bei Sindringen



Fluss im Winter


Die Ohrn - vereist



Alles fließt - nicht erst seit Heraklit.


Winterlandschaft am Fluss


Das Ohrntal


Eis


Wasservögel im Winter


Vereister Fluss im Sonnenlicht



Zwei Schwäne - ein Paar?


Fotos: Monika Nickel


Der bisher an dieser Stelle veröffentlichte Beitrag wurde fünf Jahre lang der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung gestellt.

Die neue, überarbeitete Text-Fassung ist in dem inzwischen abgeschlossenen Werk enthalten.

Das 521 Seiten umfassende Buch liegt seit dem 20 Juli 2015 vor:
unter dem Titel:


Carl Gibson

Koryphäen
der
Einsamkeit und Melancholie
in
Philosophie und Dichtung
aus Antike, Renaissance und Moderne,
von Ovid und Seneca
zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche



Motivik europäischer Geistesgeschichte und anthropologische Phänomenbeschreibung – Existenzmodell „Einsamkeit“ als „conditio sine qua non“ geistig-künstlerischen Schaffens

Mit Beiträgen zu:

Epikur, Cicero, Augustinus, Petrarca, Meister Eckhart, Heinrich Seuse, Ficino, Pico della Mirandola, Lorenzo de’ Medici, Michelangelo, Leonardo da Vinci, Savonarola, Robert Burton, Montaigne, Jean-Jacques Rousseau, Chamfort, J. G. Zimmermann, Kant, Jaspers und Heidegger,

dargestellt in Aufsätzen, Interpretationen und wissenschaftlichen Essays

1. Auflage, Juli 2015

Copyright © Carl Gibson 2015

Bad Mergentheim
Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: 978-3-00-049939-5



Aus der Reihe:
Schriften zur Literatur, Philosophie, Geistesgeschichte
und Kritisches zum Zeitgeschehen. Bd. 2, 2015



Herausgegeben vom
Institut zur Aufklärung und Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Europa, Bad Mergentheim



Bestellungen direkt beim Autor Carl Gibson,

oder regulär über den Buchhandel.

(Der Preis beträgt 55,9 Euro.)

Inhalt des Buches: 

Carl Gibson

Koryphäen
der
Einsamkeit und Melancholie
in
Philosophie und Dichtung
aus Antike, Renaissance und Moderne,
von Ovid und Seneca


zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche

Carl Gibson

Koryphäen
der
Einsamkeit und Melancholie
in
Philosophie und Dichtung
aus Antike, Renaissance und Moderne,
von Ovid und Seneca
zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche





Das 521 Seiten umfassende Buch ist am 20 Juli 2015 erschienen. 

Carl Gibson

Koryphäen
der
Einsamkeit und Melancholie
in
Philosophie und Dichtung
aus Antike, Renaissance und Moderne,
von Ovid und Seneca
zu Schopenhauer, Lenau und Nietzsche


Motivik europäischer Geistesgeschichte und anthropologische Phänomenbeschreibung – Existenzmodell „Einsamkeit“ als „conditio sine qua non“ geistig-künstlerischen Schaffens


Mit Beiträgen zu:

Epikur, Cicero, Augustinus, Petrarca, Meister Eckhart, Heinrich Seuse, Ficino, Pico della Mirandola, Lorenzo de’ Medici, Michelangelo, Leonardo da Vinci, Savonarola, Robert Burton, Montaigne, Jean-Jacques Rousseau, Chamfort, J. G. Zimmermann, Kant, Jaspers und Heidegger,


dargestellt in Aufsätzen, Interpretationen und wissenschaftlichen Essays

1. Auflage, Juli 2015
Copyright © Carl Gibson 2015
Bad Mergentheim

Alle Rechte vorbehalten.


ISBN: 978-3-00-049939-5


Aus der Reihe:

Schriften zur Literatur, Philosophie, Geistesgeschichte
und Kritisches zum Zeitgeschehen. Bd. 2, 2015

Herausgegeben vom
Institut zur Aufklärung und Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Europa, Bad Mergentheim


Bestellungen direkt beim Autor Carl Gibson,

Email: carlgibsongermany@gmail.com

-         oder regulär über den Buchhandel.

„Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit!“ – Das verkündet Friedrich Nietzsche in seinem „Zarathustra“ als einer der Einsamsten überhaupt aus der langen Reihe illustrer Melancholiker seit der Antike. Einsamkeit – Segen oder Fluch?

Nach Aristoteles, Thomas von Aquin und Savonarola ist das „zoon politikon“ Mensch nicht für ein Leben in Einsamkeit bestimmt – nur Gott oder der Teufel könnten in Einsamkeit existieren. Andere Koryphäen und Apologeten des Lebens in Abgeschiedenheit und Zurückgezogenheit werden in der Einsamkeit die Schaffensbedingung des schöpferischen Menschen schlechthin erkennen, Dichter, Maler, Komponisten, selbst Staatsmänner und Monarchen wie Friedrich der Große oder Erz-Melancholiker Ludwig II. von Bayern – Sie alle werden das einsame Leben als Form der Selbstbestimmung und Freiheit in den Himmel heben, nicht anders als seinerzeit die Renaissance-Genies Michelangelo und Leonardo da Vinci.

Alle großen Leidenschaften entstehen in der Einsamkeit, postuliert der Vordenker der Französischen Revolution, Jean-Jacques Rousseau, das Massen-Dasein genauso ablehnend wie mancher solitäre Denker in zwei Jahrtausenden, beginnend mit Vorsokratikern wie Empedokles oder Demokrit bis hin zu Martin Heidegger, der das Sein in der Uneigentlichkeit als eine dem modernen Menschen nicht angemessene Lebensform geißelt. Ovid und Seneca verfassten große Werke der Weltliteratur isoliert in der Verbannung. Petrarca lebte viele Jahre seiner Schaffenszeit einsam bei Avignon in der Provence. Selbst Montaigne verschwand für zehn Jahre in seinem Turm, um, lange nach dem stoischen Weltenlenker Mark Aurel, zum Selbst zu gelangen und aus frei gewählter Einsamkeit heraus zu wirken.

Weshalb zog es geniale Menschen in die Einsamkeit? Waren alle Genies Melancholiker? Wer ist zur Melancholie gestimmt, disponiert? Was bedingt ein Leben in Einsamkeit überhauptWelche Typen bringt die Einsamkeit hervor? Was treibt uns in die neue Einsamkeit? Weshalb leben wir heute in einer anonymen Single-Gesellschaft? Wer entscheidet über ein leidvolles Los im unfreiwilligen Alleinsein, in Vereinsamung und Depression oder über ein erfülltes, glückliches Dasein in trauter Zweisamkeit? Das sind existenzbestimmende Fragen, die über unser alltägliches Wohl und Wehe entscheiden. Große Geister, Dichter, Philosophen von Rang, haben darauf geantwortet – richtungweisend für Gleichgesinnte in ähnlicher Existenzlage, aber auch gültig für den Normalsterblichen, der in verfahrener Situation nach Lösungen und Auswegen sucht. Dieses Buch zielt auf das Verstehen der anthropologischen Phänomene und Grunderfahrungen Einsamkeit, Vereinsamung, Melancholie und Acedia im hermeneutischen Prozess als Voraussetzung ihrer Bewältigung. Erkenntnisse einer langen Phänomen-Geschichte können so von unmittelbar Betroffenen existentiell umgesetzt werden und auch in die „Therapie“ einfließen.

Carl Gibson, Praktizierender Philosoph, Literaturwissenschaftler, Zeitkritiker, zwölf Buchveröffentlichungen. Hauptwerke: Lenau. Leben – Werk – Wirkung. Heidelberg 1989, Symphonie der Freiheit, 2008, Allein in der Revolte, 2013, Die Zeit der Chamäleons, 2014.

ISBN: 978-3-00-049939-5


Inhalt:


Einleitung: „Einsamkeit“ heute – Segen oder Fluch?6
Der Mensch der Single-Gesellschaft – Leben im uneigentlichen Sein?6

Teil I: Griechisch-römische Antike12

1. Waren die heiteren Griechen auch einsam? Das Verständnis von Einsamkeit und Melancholie bei Vorsokratikern und Aristoteles. 12
1.2. Der Melancholiker – ein Genie? - Empedokles, Demokrit und eine nicht authentische, missverstandene Aristoteles-Sentenz  13
1.3. Im Garten des Epikur – Lebe zurückgezogen! Das naturgemäße Leben im Verborgenen. 18
2. Marcus Tullius Cicero - Einsamkeit und Gesellschaft: Musischer Rückzug in den ruhigen Hafen – „otio“ - „Gespräche in Tusculum“  22
3. Ovidius Naso in Verbannung in Tomis, am Schwarzen Meer – Vereinsamung und Melancholie im Spätwerk, in den Elegien „Tristia“ und in den Briefen „Epistulae ex Ponto“. 26
3. 1. „einsam lieg’ ich am Strande des äußersten Endes der Erde“ - Zur Einsamkeit verdammt am Ende der Welt: Ovids melancholische Dichtung vom Pontus26
3. 2. Nemo propheta in patria?32
3. 3. Kummer, „aegritudo“, „mania“, „melankolia“ in Ciceros „Disputationes Tusculanae“ - Bellerophon, der antike Einsame, Unbehauste; Einsamkeit und Melancholie in der mythisch-analytischen Zeitdiskussion. 35
3. 4. Psychosomatik40
3. 5. Das „Schwarze Meer“ und „Tomis“ – antike Unort(e)?43
3. 6. Künstlerisches Schaffen in Einsamkeit an sich und als Selbsttherapie  47
3. 7. Melancholie und Versöhnung – Concordia und Amor fati 54
4. Lucius Annäus Seneca - Lebe zurückgezogen - „solitudine“ und „in otio“  57
4. 1. „exsilium“, Senecas Verbannung auf Korsika – Unfreiwillige, äußere Einsamkeit und innere Freiheit, dargestellt im „Epigramm“  58
4. 2. Existenzbewältigung über Poesie bei Ovid und ethisches Philosophieren bei Seneca  63
4. 3. Ruhe der Einsamkeit - Apathie, Ataraxie, Eudämonie, „constantia“64
4. 4. „De constantia sapientis“ – Die „Unerschütterlichkeit des Weisen“66
4. 5. „Jeglicher Ort ist für den Weisen Heimatland.“ – Oder: „Patria est, ubicumque est bene“  68
4. 6. Senecas Klage als Anklage – Gesellschaftskritik und Dekadenz-Kritik aus der Einsamkeit des Exils heraus in der Auseinandersetzung mit den Tyrannen Caligula und Nero74
4. 7. „De otio“ – Von der „Zurückgezogenheit“; Zwischen stiller Muße (otio) und hektischer Geschäftigkeit (negotio) 77
4. 8. In „secreto“ – „Menschen (…) leisten in der Einsamkeit Größtes“- Ethische Haltung und Charakterbildung entstehen in der Stille der „Zurückgezogenheit“. Die Funktionen des einsamen Lebens und der Nutzen für die Gesellschaft 77
4. 9. Selbsterkenntnis und die Idee des Selbstseins erwachsen dem Alleinsein - Das Existieren in der Eigentlichkeit. Psychologische und soziologische Aspekte erfahrener Einsamkeit 81
4. 10. Die Gefahren des Alleinseins – Einsamkeit als Last 83
4. 11. Das Alleinsein in den eigenen vier Wänden – Chance und Risiko. Freiwilliger Rückzug in die Einsamkeit, statt Weltflucht aus Enttäuschung und Überdruss84
4. 12. Typen und Charaktere – introvertiert oder extrovertiert? Senecas Beschreibung der Melancholie-Symptomatik  86
4. 13. Geselligkeit – Senecas Plädoyer für ein ausgewogenes Wechselverhältnis zwischen freiwilligem Sein in Einsamkeit und sozialem Austausch  90
4. 14. Schöpferische Einsamkeit - Medium des Kreativen91
4. 15. Die Apotheose des einsam-kontemplativen Lebens in der Schrift „De brevitate vitae“, „Die Kürze des Lebens“  93
4. 16. Im „Jetzt“ leben, nicht erst morgen und am Leben vorbei! Hic et nunc und Memento mori! 95
4. 17. Der ruhige Hafen als Endziel - Individuelles Leben oder Massen-Existenz?  97
5. Mark Aurel - Der Weg zum Selbst in Zurückgezogenheit 99
5. 1. Gelebter Stoizismus als Vorbild101
5.2. „Alleinsein“ bei Epiktet – Individualität und Selbsterkenntnis101

Teil II: Vom frühen Mittelalter bis zur Scholastik103

1. „Einsamkeit“ und „Melancholie“ im frühen Mittelalter. Anachoreten im frühen Christentum - „anachoresis“ und „monachoi“. 103
1.1.         Eremitentum und monastisches Leben um 300 – 400 n. Chr. Antonius, (der Ägypter), Evagrius Ponticus und Augustinus: DerWeg zu Gott vollzieht sich in der Einsamkeit 103
1.2. Antonius, der Ägypter – Einsiedlertum, Wüstenspiritualität und Mystik  105
1.3. Aurelius Augustinus in „reiner Einsamkeit“ - „Alleingespräche“ aus Cassiciacum - Früchte des Schaffens in der Einsamkeit des Selbstgesprächs  107
1.4. „Acedia“ seit Evagrius Ponticus, bei Thomas von Aquin und Bonaventura  110
1.5. Die „Wirkscheu“ des Johannes Cassian113
1.6. Thomas von Aquin - Wirkscheu ist Todsünde – Acedia oder „Tristitia“  113
2. Deutsche Mystik115
2.1. Meister Eckhart: Die absolute Freiheit des Gottsuchenden - Der unmittelbare, mystische Weg zu Gott. „Abgeschiedenheit“ und „innerliche Einsamkeit“ neu definiert 115
2.2. In der Abgeschiedenheit – Das Aufgeben des Selbst, das Ledigwerden, als Voraussetzung der Unio mystica und die Gottesgeburt 115
2.3. „innerliche Einsamkeit“ – Zum Wesen der Dinge! 120
2.4. „Unio mystica“ und Buddhismus – Stufen und Wege des Rückzugs aus allgemein philosophischer, christlicher Sicht bzw. aus der Perspektive der Zen-Meditation - Exkurs121
2.5. Heinrich Seuses „Weg in die Innerlichkeit“ und die Beschreibung der Mönchskrankheit (Acedia) in der Schrift „Das Leben des Dieners“  125
2.6. „Das Büchlein der ewigen Weisheit“ - „Wie man innerlich leben soll“, „lautere Abgeschiedenheit“ und Entwerdung (Selbst- bzw. Ich-Auflösung) 129
2.7. Theresa von Avila - „Der Weg zur Vollkommenheit“ und „Die Seelenburg“.

Teil III: Humanismus

1. Francesco Petrarcas Loblieder auf die Einsamkeit. Der zentrale Stellenwert der „Einsamkeit“ im Werk der Humanisten  135
1.1. Zur Vita Petrarcas – Von der Vita activa zur Vita contemplativa im mundus aestheticus  135
1. 2. „De otio et solitudine“ - Von Freiheit (Muße) und Einsamkeit 137
1.3. „De vita solitaria“: Francesco Petrarcas Hymnus in Prosa auf das Leben in Einsamkeit. Die Begründung der Auffassung von der „schöpferischen Einsamkeit” als elitäre Phänomen-Definition139
1.4. „felix solitarius“ contra „miser occupatus“ – besser allein, frei und glücklich als vielbeschäftigt, gestresst und in permanenter Disharmonie – Einsamkeit: die „conditio sine qua non“ einer ethisch fundierten Lebensführung und Existenzbewältigung  141
1.5. Zur Modernität des Existenzmodells „Leben in der Eigentlichkeit“142
1.6. Das schaffende Subjekt … und die Ahnenreihe der Einsamen143
1.7. „Secretum“ – Melancholie und Misanthropie147
1.8. „Gespräche über die Weltverachtung“: Petrarcas negativer Melancholie-Begriff und Dante  148
1.9. Melancholie und Selbst-Therapie – Ist die „unheilvolle“ „Seelenkrankheit“ „Weltschmerz“heilbar?  149
1.10. Dante weist die Muse Melancholie zurück155

Teil IV: Renaissance156

Einsamkeit und Melancholie während der Renaissance in Italien - Die „Saturniker“ des Mediceer-Kreises  156
1. Angelo Poliziano – Der Dichter am Kamin als personifizierte Melancholie und eine Melancholie-Beschreibung im Geist der Zeit. 156
2. Marsilio Ficino – Therapierte Melancholie. Das Bei-sich-Selbst-Sein der Seele führt zu Außergewöhnlichem in Philosophie und Kunst 159
2.1. Marsilio Ficino in freiwilliger Zurückgezogenheit in Carreggi - Einsamkeit als „conditio sine qua non“ des künstlerischen Schaffens  160
2.2. Im Zeichen des Saturn - Marsilio Ficinos Werk, „De vita triplici“, eine Diätetik des saturnischen Menschen. Ficinos astrologisch determinierter, antik physiologischer Melancholie-Begriff. 161
2.3. Definition der Melancholie und des Melancholikers in „Über die Liebe oder Platons Gastmahl“ - Die Liebe als melancholische Krankheit?  163
2.4. Krankheit „Melancholie“ - Therapeutikum Musik166
3. Pico della Mirandolas Entwurf des Renaissancegenies in „De hominis dignitate“ – Von Einsamkeit und Freiheit 167
3.1. Die „dunkle Einsamkeit Gottes“168
3.2. „Die Freiheit des Menschen“ und der „Geniebegriff der Epoche“ in „Oratio“  170
3.3. Die ethisch eingeschränkte Freiheit des Genies und das Humanum als Endziel 172
4. Lorenzo de’ Medicis „melancholische“ Dichtung174
4.1. War der Prächtige ein Melancholiker? Vanitas, Wehmut und Schwermut 175
4.2. Der Typus des „Inamoroso“ als Melancholiker - Liebeslyrik im Sonett 179
4. 3. Melancholia - Lorenzo de’ Medici rezipiert Walter von der Vogelweide  184
5. Die Familie der Melancholiker oder die Metamorphose des sinnenden Geistes zur Plastik und zum Gedicht - Exkurs  186
6. Einsamkeit, Melancholie und künstlerisches Schaffen während der Renaissance in Italien. 189
6.1. Geniale Werke der Einsamkeit bei Michelangelo Buonarroti und Leonardo da Vinci - Einsamkeit als die künstlerische Schaffensbedingung schlechthin, als „conditio sine qua non“ des kreativen Subjekts. 190
6.2. Michelangelo Buonarroti - „Wer kann, wird niemals willig sein.“ – Individuelle Freiheit und künstlerische Selbstbestimmung  190
6.3. Große Kunst ist gottgewollt 192
6.4. Der Schaffende ist das Maß aller Dinge - oder die Lust, mit dem Hammer neue Werte zu schaffen  194
6.5. Weltflucht und Weltverachtung195
6.6. Der sinnende Melancholiker „Micha Ange bonarotanus Florentinus sculptor optimus“  197
6.7. – „La mia allegrezz’ e la maniconia” – “Meine Lust ist die Melancholie!” – Existenzbewältigung im “Amor fati“ oder eine ins Positive transponierte „Melancholie als Mode“?199
6.8. Hypochondrie und Misanthropie in burlesker Entladung – bei Michelangelo und Leonardo  201
6.9. Michelangelos „Sonette“: Kreationen reiner Eitelkeit?211
7. Leonardo da Vinci – Ein Einsamer, aber kein Melancholiker. Die Wertschätzung der „vita solitaria e contemplativa“. 214
7.1. Leonardo und Michelangelo – ein geistesgeschichtlicher Vergleich. Der verbindende Hang zur Einsamkeit … und viele Kontraste! 222
8. Girolamo Savonarola – Der melancholische Reformator vor der Reformation  225
8.1. Gott geweihtes Leben in stiller Einkehr und früher Protest aus der Klosterzelle  230
8. 2. Zeitkritik und Fragen der Moral in „Weltflucht“ und „De ruina mundi“- Vom Verderben der Welt 231
8.3. Kritik des Christentums sowie des dekadenten Papsttums im poetischen Frühwerk - „De ruina Ecclesiae“ oder „Sang vom Verderben der Kirche“, (1475) 237
8.4. „Poenitentiam agite“! – Buße , Einkehr, Rückbesinnung, Katharsis239
8.5. Savonarolas Humanismus-Kritik und seine Zurückweisung der Astrologie – ist die Philosophie eine Magd der Theologie?  243
8.6. Sozialreformer Savonarola - „De Simplicitate vitae christianae“ - Von der Schlichtheit im Christenleben. 246
8.7. Savonarola setzt politische Reformen durch – Über die demokratische Verfassung in Florenz zum Fernziel der Einheit Italiens  248
8.8. Niccolo Machiavelli und Die Schwermut der Tyrannen250
8.9. Einsamkeit, Kontemplation und rhetorischer Auftritt – Savonarola Volkstribun und Redner nach Cicero?  254
8.10. Einsamkeit und Gesellschaft bei Savonarola255
8.11. Christliche Ethik als geistige Basis der Staatsform – Contra Tyrannis  256
8.12. „Der Tyrann“ trägt „alle Sünden der Welt im Keim in sich“ - Melancholie als Krankheit: Savonarolas Typologie, Definition und Phänomen-Beschreibung des Renaissance-Macht-Menschen und das Primat des Ethos im Leben und im Staat. 259
8.13. Genies des Bösen – Lorenzo de’ Medici und der Borgia-Clan260
8.14. Thomasso Campanellas idealer Gegenentwurf zum Typus des Tyrannen in seiner christlich-kommunistischen Utopie „Città del sole“  263
8.15. Golgatha - Traurigkeit und Verlassenheit in der Todeszelle und auf dem Scheiterhaufen  264
8.16. Hybris und Zuflucht zu Gott – „in Schwermut und voll Schmerz“! 266
8.17. Melancholia - „In te, Domine, speravi“, letzte Einsamkeit und existenzielle Traurigkeit - Hoffnung gegen Melancholie?  268
8.18. Auch Päpste irren! Schweigepflicht, Exkommunikation, Inquisition, Folter – Reformator Savonarola stirbt den Flammentod in Florenz  272
8.19. Giordano Bruno und die Flammen der Inquisition – Der Märtyrer-Tod auf dem Scheiterhaufen wiederholt sich … doch  274
9. Michel de Montaignes Essay „De la solitude“- Das Leben in Abgeschiedenheit zwischen profaner Weltflucht und ästhetischer Verklärung  276
9.1. Süße Weltflucht in den Turm – Melancholie als Habitus276
9.2. War Michel de Montaigne ein Melancholiker?278
9.3. Einsamkeit, ein Wert an sich, ist nie Mittel zum Zweck, sondern immer Selbstzweck. 280
9.4. „Nichts in der Welt ist so ungesellig und zugleich so gesellig als der Mensch“ – Einsamkeit und Gesellschaft 284
9.5. Vanitas - Der Rückzug aus der Gesellschaft ist auch historisch bedingt 289
10. „The Anatomy of Melancholy“ - Der extensive Melancholie-Begriff bei Democritus junior alias Robert Burton  292
10.1. „Elisabethanische Krankheit“ oder „maladie englaise“ – Melancholie als Mode!? Von der Pose zur Posse?  292
10.2. Demokritos aus Abdera – Der lachende Philosoph als Vorbild und Quelle der Inspiration  294
10.3. „sweet melancholy“ - Burtons Verdienste bei der Umwertung und Neuinterpretation der grundlosen Tieftraurigkeit zur „süßen Melancholie“  297
10.4. „Göttliche Melancholie“: „Nothing’s so dainty sweet as lovely melancholy“ - Zur positiven Melancholie-Bewertung vor, neben und nach Burton  302

Teil V: „Einsamkeit“ und Melancholie in der Moderne304

1. Jean-Jacques Rousseau – Alle großen Leidenschaften entstehen in der Einsamkeit. Die Apotheose der Einsamkeit im Oeuvre des Vordenkers der Französischen Revolution304
1.1. Rückzug, „Schwermut“ und „Hypochondrie“304
1.2. „Zurück zur Natur“! im „Discours“ - Plädoyer für das einfache Leben und harsche Gesellschaftskritik. Macht die „Sozialisierung“ den an sich guten Menschen schlecht?306
1.3. Im Refugium der Eremitage von Montmorency: Kult der Einsamkeit – Landleben, Naturgenuss und geistiges Schaffen  308
1.4. „Sanssouci“ – Asyl: Ein Einsamer, Friedrich der Große unterstützt einen anderen Einsamen, den verfolgten Wahlverwandten Jean-Jacques Rousseau312
1.5. „Les Rêveries du promeneur solitaire“ - Träumereien eines einsamen Spaziergängers  314
1.6. Einsamkeit ist im Wesen des Künstlers selbst begründet - «Toutes les grandes passions se forment dans la solitude»! 316
2. Einsamkeit und Gesellschaftskritik im Werk der Französischen Moralisten La Rochefoucauld, Vauvenargues und Chamfort 318
2.1. Rekreation im Refugium – die bücherlesende Einsamkeit des Herzogs La Rochefoucauld  319
2.2. Einsamkeit – Katharsis, Chance und Gefahr 320
2.3. Chamfort - „Vom Geschmack am einsamen Leben und der Würde des Charakters“ - „Man ist in der Einsamkeit glücklicher als in der Welt.“  321
2.4. Abkehr von der Gesellschaft, melancholische Heimsuchungen, Vereinsamung und Menschenhass  323
2.5. „Ein Philosoph, ein Dichter, sind fast notwendig Menschenfeinde“ – Chamforts Rechtfertigung von Misanthropie und Melancholie. 325
3. „Ueber die Einsamkeit“ - Johann Georg Zimmermanns Monumentalwerk aus dem Jahr 1784/85 - Einsamkeit als Lebenselixier – Die Gestimmtheit im deutschen Barock – Inklination zur Melancholie?326
3.1. Von den „Betrachtungen über die Einsamkeit“ zur Abhandlung „Von der Einsamkeit“ – Thema mit Variationen  328
3.2. Die Ursachen von wahrer und falscher Einsamkeit - Müßiggang, Menschenhass, Weltüberdruss und Hypochondrie  330
3.3. „gesellige Einsamkeit“ - eine „contradictio in adjecto“?331
3.4. Aufklärer Immanuel Kant definiert den zur „Melancholie Gestimmte(n)“, „Melancholie“ als „Tiefsinnigkeit“ und die „Grillenkrankheit“ Hypochondrie richtungweisend für die Neuzeit. Exkurs. 333
4. Arthur Schopenhauers „elitäres“ Verständnis von Einsamkeit - nur wer allein ist, ist wirklich frei! 336
4.1. Der Ungesellige - „Er ist ein Mann von großen Eigenschaften.“338
4.2. Die „Einsamkeit ist das Los aller hervorragenden Geister“ - Ist der Mensch von Natur aus einsam? Ist „Einsamkeit“ ein Wert an sich?  341
4.3. Das Sein in der Einsamkeit als existenzielles Problem - Einübung in die zurückgezogene Lebensführung. 343
5. Lenau, Dichter der Melancholie. „Einsamkeit“ und Schwermut (Melancholie) im Werk von Nikolaus Lenau – Anthropologische Phänomenbeschreibung und literarisches Motiv345
5.1 Lenaus Verhältnis zur Philosophie. Entwicklung und Ansätze346
5.2. „Einsamkeit“ und „Vereinsamung“ als existenzielle Erfahrung351
5.3. Nikolaus Niembsch von Strehlenau, genannt „Lenau“ vereinsamt in Wien  352
5.4. Das „melancholische Sumpfgeflügel der Welt“ - Vereinsamt in Heidelberg und Weinsberg. Therapeutikum Philosophie: Lenau setzt der „Seelenverstimmung“ die „Schriften Spinozas“ entgegen! 357
5.5. Amerika – Lenaus Ausbruch in die Welt der Freiheit 358
5.6. Schwermut und Hypochondrie – Therapeutikum: Philosophie und Sarkasmus  359
5.7. „Einsam bin ich hier, ganz einsam. Aber ich vermisse in meiner Einsamkeit nur dich.“  361
5.8. „wahre Menschenscheu“ - „Die Geselligkeit“ „ist ein Laster“ - „Mein Leben ist hier Einsamkeit und etwas Lyrik.“  362
5.9. Die „äußere Einsamkeit“– Vom „Locus amoenus“ zum „Locus terribilis“  364
5.10. Situation und Grenzsituation – präexistenzphilosophisches Gedankengut bei Lenau auf dem Weg zu Karl Jaspers. Exkurs. 366
5.11. „Einsamkeit“ als ontische Dimension - Menschliches Dasein ist nicht Gesellig-Sein – Mensch-Sein bedeutet ein Sein in Einsamkeit. 371
5.12. „Einsame Klagen sinds, weiß keine von der andern“ - Monologische Existenz in dem existenzphilosophischen Gedicht „Täuschung“  372
5.13. In „dunklen Monologen“ - „Jedes Geschöpf lebt sein Privatleben“ - Mitsein in existenzieller Gemeinschaft erscheint unmöglich  375
5.14. „O Einsamkeit! Wie trink ich gerne / Aus deiner frischen Waldzisterne!“ Dionysisch „zelebrierte Einsamkeit“ im Spätwerk  377
5.15. „Der einsame Trinker“ - Das dionysische Erleben der Einsamkeit im Fest 379
5.16. „Fremd bin ich eingezogen/Fremd zieh ich wieder aus“ - Der „Unbehauste“, ein „Fremdling ohne Ziel und Vaterland“  381
5.17. „Nun ist’s aus, wir müssen wandern!“ - In-der-Welt-Sein ist Einsamkeit 383
5.18. Lenaus melancholische Faust-Konzeption - „metaphysische Vereinsamung“. 388
5.18.1. Der „Unverstandene“, das ist der „Einsame“. 388
5.18.2. Endlichkeit und Ewigkeit 390
5. 18. 3. Die Geworfenheit des existenziellen Realisten „Görg“392
5. 18. 4. Das Unbewusste als Antrieb - Die tragisch konzipierte Faust-Figur in Disharmonie mit dem Selbst und in der Uneigentlichkeit 393
5.18.5. Gott ist tot - existenzielle Exponiertheit des metaphysisch Vereinsamten vor Nietzsche und Rilke  397
5.19. Im dunklen Auge – ein „sehr ernster, melancholischer Knabe“„hochgradig zur Melancholie disponiert“  und hinab gestoßen in die „Hohlwege der Melancholie“„Mein Kern ist schwarz, er ist Verzweiflung.“ – Melancholie-Symptomatik und Definitionen der Krankheit bei Lenau  403
5.20. „Lieblos und ohne Gott! Der Weg ist schaurig“ – „Die ganze Welt ist zum Verzweifeln traurig.“ „Melancholie“ und „absolute Vereinsamung“ in Lenaus Doppelsonett „Einsamkeit“408
5.21. Der Werte-Kampf in Lenaus Ballade „Die nächtliche Fahrt“ - Von darwinistischer Selektion über den „Kampf um das Dasein“ nach existenzphilosophischen Kategorien zur Ethik des Widerstands im Politischen - Exkurs  424
5.21.1. Wettkampf und Werte-Kampf 431
5.21.2. Lenaus Imperialismus-Kritik in seinem „anderen“ Polenlied433
5.21.3. Ethik des Widerstands - Der Existenz-Kampf der Individuen entspricht dem Souveränitätsstreben der - tyrannisierten - Völker 434
6. Friedrich Nietzsche, der einsamste unter den Einsamen? Absolute Einsamkeit, extreme Vereinsamung und schwärzeste Melancholie  436
6.1. Wesensgemäße Daseinsform und  Schaffensbedingung der Werke der Einsamkeit. 437
6.2. „Also sprach Zarathustra“ - Nietzsches großer „Dithyrambus auf die Einsamkeit“  438
6.3. Strukturen der „Einsamkeit“ in „Also sprach Zarathustra“439
6.4. „Fliehe, Fliehe mein Freund, in deine Einsamkeit!“ - „Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt.“  442
6.5. Die Auserwählten – Nietzsches kommende Elite: Der „Einsame“ als Brücke zum Übermenschen  444
6.6. Der Einsame – das ist der Schaffende! „Trachte ich nach Glück? Ich trachte nach meinem Werke!“  446
6.7. Nietzsches „Nachtlied“ - das einsamste Lied, welches je gedichtet wurde! 447
6.8. „Oh Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit!“449
6.9. „Jede Gemeinschaft macht irgendwie, irgendwo, irgendwann – ‚gemein’“ – Zum Gegensatz von individuellem Leben in Einsamkeit und gesellschaftlichem Massen-Dasein. 451
6.10. „Einsam die Straße ziehn gehört zum Wesen des Philosophen.“ Fragmentarische Aussagen zur „Einsamkeit“  453
6.11. Therapeutikum Einsamkeit – schlimme und gefährliche Heilkunst! „In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst, in der Vielsamkeit fressen ihn die Vielen. Nun wähle.“454
6.12. Die „siebente letzte Einsamkeit“ - Nietzsches „Dionysos-Dithyramben“  456
6.13. „Vereinsamt“ – Düstere Melancholie und metaphysische Verzweiflung  458
7. „Einsamkeit“ bei Jaspers und Heidegger - Exkurs463
8. Der „Neue Mensch“ – eine Konsequenz der Einsamkeit? „selbstestes Selbst“ und Apologie des Selbst bei Lenau und Nietzsche - Exkurs  466
8.1. Die Suche nach dem „Humanum“ – Absage an den Irrweg „Übermensch“  468
8.2. Lenaus „Homo-Novus-Konzeption“ nach Amalrich von Bene470
8.3. „Idemität“ und „Konkreativität“ – Der „menschliche Mensch“! Zur Strukturanthropologie Heinrich Rombachs. Exkurs  473

Teil VI: Essays zur Thematik und kleine Beiträge476

9. Stufen der Einsamkeit – Auf dem Weg vom Alleinsein in die Vereinsamung, Melancholie und Verzweiflung – Zur Metamorphose eines anthropologischen Phänomens476
9.1. Von der existenziellen Situation „Einsamkeit“ zum Krankheitsbild „Melancholie“ in der Erscheinungsform „Acedia“ und Hypochondrie  480
9.2. Melancholie als Charakteristikum des genialen Menschen. 482
9.3. Die Phänomene „Einsamkeit“, „Alleinsein“, „Vereinsamung“ und „Melancholie“ („Schwermut“, „Depression“) – im Wandel der Zeiten: Anthropologische Konstanten und Grundbefindlichkeiten des Daseins oder zeitbedingte Entwicklungsphänomene? Zur Begriffsbestimmung. 484
9.4. Strukturen der Einsamkeit - Zum Bedeutungswandel der Begriffe Einsamkeit und Melancholie durch die Zeiten  494
9.5. Existenzbewältigung: Angewandte Philosophie in philosophischer Praxis – Zur Konzeption und Intention der Studien zur Einsamkeit. 497
9.6. Zur Einsamkeit verflucht? – Alleinsein zwischen gesellschaftlicher Pest und segensreicher Schaffensbedingung –Selbsterfahrungen und Autobiographisches503
9.7. Das Existenzmodell „Alleinsein“ zwischen Weltflucht und verklärender Utopie: Abgeschiedenheit, Einkehr, Selbstfindung, Eigentlichkeit - Selbst erfahrene und selbst beobachtete Phänomene – Einsamkeit, ein Zeitproblem?  506
9.8. Ein Einsamer von heute – In memoriam Theo Meyer513


Nachwort: 514
Inhalt: 517
Namenregister: 517
Bibliographie539
Primärliteratur 539
Anthologien, Aufsatz-Sammelwerke zur Thematik: 539
Sekundärliteratur: 539
Bilder-Verzeichnis: 539
Bücher von Carl Gibson539